eigtl. Hedwig Franziska Ida Helene Auguste ILSE
bekannt auch als Mädy Ilse, Ilse Lodron, May von Bernstorff

* 22.9.1894 Heidelberg
† 7.1.1945 Rio de Janeiro

Eltern:
Vater: Emil Ilse, General der Artillerie (*14.3.1864 in Kempfeld † 14.4.1943 in Düsseldorf)
Mutter: Ida, geb. Kussmaul (*23.5.1869 in Heidelberg †12.11.1946 in München) ꝏ 25.9.1890 in Heidelberg
Hedwig Ilse hat in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Ihre Werke sind in öffentlichen Sammlungen kaum präsent, und der Grossteil ihres Schaffens darf heute als verloren gelten. Ob dies vor allem der strukturellen Benachteiligung von Frauen in der Kunst um die Jahrhundertwende, Hedwig Ilses Verflechtungen mit dem Nationalsozialismus oder dem tragischen Schicksal, das sie in ihren letzten Lebensjahren ereilen sollte, geschuldet ist, lässt sich heute nicht mehr abschliessend rekonstruieren.
Die marginale Rolle, die Frauen in der Kunstgeschichtsschreibung zur Jahrhundertwende lange zugewiesen wurde, ist hinlänglich bekannt. Isabella Fehle schreibt in ihrem Geleitwort zum Band Ab nach München! Künstlerinnen um 1900, dass «Frauenpersönlichkeiten in den jeweiligen Betrachtungen zur Jahrhundertwende um 1900 nur in der Definition des Mannes als Gattin, als Muse oder Verführerin Eingang»(1) fanden. Dies zeigt sich auch immer wieder in Personenstandsdokumenten, in denen Frauen, die einen künstlerischen Beruf ausübten,
häufig als «ohne Beruf» geführt wurden. Dabei spielte auch der soziale Stand der jeweiligen Künstlerinnen eine untergeordnete Rolle, wie das Beispiel Hedwig Ilses zeigt. München um 1900 nahm in ihrer Biografie jedoch eine durchaus wichtige Stellung ein, worauf im Folgenden noch eingegangen wird.
Hedwig Ilse wurde am 22. September 1891 in Heidelberg als erstes Kind des Oberleutnants und später hochdekorierten Generals der Artillerie Emil Ilse (1864–1943) und seiner Frau Ida Kussmaul (1869–1946) geboren. Der Geburtsort war nicht zufällig gewählt, da die Familie Kussmaul um den auch heute noch bekannten Gastroenterologen Adolf Kussmaul (1822–1902), den Vater Ida Kussmauls, in Heidelberg ansässig war. Hedwig Ilse kam im Haus der Familie an der Adresse «Plöck Nr. 50»(2) zur Welt(3). Getauft wurde sie indes am 15. Januar 1892 in der Garnisonskirche zu Berlin. Die Familie lebte zu dieser Zeit aufgrund der Berufung des Vaters an die Berliner Militärakademie in der Hauptstadt. Dort wurde am 11. Oktober 1892 auch ihr Bruder Siegfried «Bob» Ilse (1892–1962), der später in Chemie promovierte, geboren. Ihre Schwester Leonore Ilse wurde am 26. Oktober 1893 in Strassburg geboren, wo sich der umtriebige Vater zu dieser Zeit «als Kommandeur des Fussartillerie-Regiments 10»(4) aufhielt.

Zu den frühen Kindheitsjahren Hedwig Ilses, die während ihrer Kindheit und Jugend den Spitznamen «Mädy» trug, liegen keine gesicherten Informationen vor. Aufgrund der zahlreichen beruflich bedingten Umzüge infolge der wechselnden Einsatzorte des Vaters dürfte ihr Leben, auch wenn es sicherlich privilegiert war, von einer gewissen Unstetigkeit geprägt gewesen sein. Anzunehmen ist, dass die Kinder der Familie Ilse bereits früh ein Interesse an Kunst entwickelten und musisch sowie sprachlich begabt waren. Ihr Bruder Siegfried «Bob» Ilse war, bevor er in Chemie promovierte und später Direktor der
Porzellanmanufaktur Augarten in Wien wurde, als Student an der Akademie der Bildenden Künste in München eingeschrieben. 1918 wurde er dort unter der Matrikelnummer 05700 im Fach Zeichnen immatrikuliert(6). Sein Briefwechsel mit dem Schweizer Schriftsteller, Puppenspieler und Maler Jakob Flach (1894–1982)(7), der sich über rund vier Jahrzehnte erstreckte, zeigt, dass Siegfried Ilse bis kurz vor seinem Tod künstlerisch tätig blieb, hauptsächlich als literarischer Übersetzer und Maler.
«Ab nach München!»
München galt um 1900 als eines der Zentren der modernen Kunst und war zugleich ein Katalysator der aufkommenden Frauenbewegung. Zahlreiche private Schulen boten Künstlerinnen hier die Möglichkeit, ein Studium im Bereich der bildenden Kunst aufzunehmen(8). Allerdings «gab es zu diesem Zeitpunkt nur wenige Kunstakademien, die Frauen zuliessen oder ihnen zumindest partiell die Teilnahme am Unterricht gewährten. (…)
Die renommiertesten Akademien in den bedeutenden Kunstzentren blieben Frauen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert jedoch verschlossen»(9). Gesichert ist, dass ihre künstlerische Veranlagung Hedwig Ilse im Jahr 1911 nach München führte, das damals
sogar «als führende Kunststadt Europas»(10) galt.
An der Damen-Akademie nahm Hedwig Ilse 1911 ihr Studium der Bildhauerei auf. Gemäss dem Melderegister der Stadt München meldete sie sich am 3. Oktober 1911 an und wurde noch im selben Monat unter ihrem Kosenamen «Mädy» Ilse Mitglied des Münchener Künstlerinnen-Vereins und dessen Damen-Akademie, der sie bis zum Studiensemester 1915/16 angehörte(11). Die Damen-Akademie nahm gegenüber den privaten Kunstschulen insofern eine Sonderstellung ein, als sie staatlich subventioniert wurde. Die Aufnahme in den Künstlerinnen-Verein «bedingte neben einer schriftlichen Anmeldung und der Volljährigkeit auch den (…) künstlerischen Nachweis des fachgemässen und selbständigen Arbeitens. (…)
Dazu musste jeder Bewerber Arbeiten vorlegen, die von einem Ausschuss bzw. einer Jury begutachtet wurden»(12). Hedwig Ilse musste demnach bereits über eine gewisse Vorbildung im bildnerischen Gestalten verfügt haben, um in den Künstlerinnen-Verein aufgenommen zu werden. Im Bereich der Bildhauerei wurde sie an der Damen-Akademie vermutlich von den Bildhauern Hans Behrens (1882–1952), Charles Jaeckle (1872–1923) und Hugo Emmanuel Becher (1871–1942) unterrichtet, die dort zwischen 1911 und 1920 Modellierunterricht erteilten(13).
In München wohnte Hedwig Ilse zunächst an wechselnden Adressen, zeitweise auch in dem der Lebensreformbewegung nahestehenden vegetarischen Restaurant und der Pension «Ethos»(14). Das Lokal kann im München der frühen 1910er Jahre als ein Treffpunkt der
künstlerischen Avantgarde und insbesondere der bereits erwähnten Frauenbewegung gelten. Unter anderem diente es auch als Vereinslokal des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins(15).
Paris – Im Zentrum der Avantgarde
Im April 1912 meldete sich Hedwig Ilse bereits wieder aus München ab, um ihre Studien in Paris fortzusetzen. Paris galt neben München als eines der wenigen europäischen Kunstzentren, die Künstlerinnen sowohl Ausbildungsmöglichkeiten als auch berufliche Perspektiven boten. Mehrere Quellen weisen darauf hin, dass Hedwig Ilse in Paris an der Académie de la Grande Chaumière bei Antoine Bourdelle (1861–1929) studierte, zu dessen Schülern später auch Alberto Giacometti und Otto Gutfreund gehörten. Da es sich um eine privat geführte Institution handelte, sind jedoch nur noch spärliche Unterlagen überliefert,
sodass sich ihr Studium archivalisch kaum nachweisen lässt. Dass Hedwig Ilse Schülerin Bourdelles war, wird allerdings durch mehrere zeitgenössische und spätere Quellen übereinstimmend überliefert. So schreibt etwa von Wiese, dass sie «(…) in Paris bei Bourdel (sic!), einem Schüler von Rodin, gelernt»(15) habe. Auch andere Quellen verweisen wiederholt auf ihre Ausbildung bei Bourdelle. Die Weltkunst nennt darüber hinaus Alexander Archipenko als einen ihrer Lehrer: «Nach kurzer Lehrzeit in München arbeitet sie als Schülerin von Archipenko und vor allem Bourdelle, dessen mächtiger Einfluss in der stark plastisch erfüllten Konzeption auch der neuesten Werke maßgeblich wird»(16).
Ihre Studien in Paris dürften hauptsächlich der Bildhauerei gewidmet gewesen sein, obwohl von Wiese in seinem Artikel erwähnt: «Auch in Paris hat sie gemalt, Fresken im Theatre des Champs Elysees». Ob und in welcher Form Hedwig Ilse tatsächlich an der Ausführung der noch heute erhaltenen Fresken beteiligt war, lässt sich nicht nachweisen. Gesichert ist
hingegen, dass Bourdelle selbst massgeblich an der Ausgestaltung des Théâtre des Champs-Élysées beteiligt war. Er wirkte nicht nur an der Gestaltung der markanten Fassade mit, sondern schuf auch zahlreiche Fresken für die Innenräume des Theaters. In Denise Basdevants Buch Bourdelle et le Théâtre des Champs-Elysées finden sich zahlreiche Entwurfszeichnungen zu diesen Fresken, die vor allem Szenen aus der griechischen Mythologie zeigen(17). Die feierliche Eröffnung des Theaters fand am 31. März 1913 mit einer Aufführung von Berlioz’ Oper Benvenuto Cellini statt(18). Ob Hedwig Ilse der Eröffnung
beiwohnte, lässt sich nicht abschliessend klären. Gesichert ist jedoch, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt in Paris aufhielt. Bereits zwei Monate später sorgte die Uraufführung von Le Sacre du printemps im neu eröffneten Theater für einen international beachteten Theaterskandal, der noch einmal verdeutlichte, welche zentrale Rolle Paris in jenen Jahren für die Entwicklung der Moderne spielte.
Hedwig Ilse konnte sich in Paris offenbar mit weiteren aufstrebenden Kunstschaffenden vernetzen und schloss sich um 1913 der «Société des artistes indépendants» an. 1913 stellte sie erstmals auf dem «Salon des indépendants» in Paris aus, unter anderem neben Künstlerinnen wie Jacoba van Heemskerck, der sie zwei Jahre später in Herwarth Waldens Galerie «Der Sturm» wieder begegnen sollte. Im Katalog des «Salon des indépendants» erscheint erstmals das von Hedwig Ilse verwendete Pseudonym «Ilse Lodron»(20). Weshalb sie sich dieses Pseudonym zulegte, ist nicht überliefert und lässt sich heute nicht mehr
nachvollziehen. Allenfalls lässt sich vermuten, dass sie ihre Identität angesichts der zunehmenden politischen Spannungen vor dem Ersten Weltkrieg verbergen wollte. Ihr Vater sollte als neu ernannter Generalmajor der deutschen Armee während des Krieges eine unrühmliche Rolle spielen. Fritz Haber bezeichnete ihn später gar als den Mann, «der den Gaskrieg aus der Taufe gehoben hat»(21). Neben der Verwendung des Pseudonyms «Ilse Lodron» gab sie als Geburtsort «Christiania», das heutige Oslo, an. Eine Verbindung zu Norwegen lässt sich ebenfalls nicht nachweisen. Allerdings pflegte sie eine enge Beziehung
zum norwegischen Künstler Olaf Gulbransson (1873–1958), auf die an anderer Stelle noch eingegangen wird. Hedwig Ilse war am Salon von 1913 mit drei vermutlich skulpturalen Arbeiten vertreten, die die Titel «Portrait», «Maternité» und «Nu» trugen. Die Ausstellung, die vom 19. März bis zum 18. Mai 1913 am Quai d’Orsay und am Pont de l’Alma stattfand, vereinte, wie bereits die vorangegangenen Ausgaben des Salons, zahlreiche wegweisende Kunstschaffende der klassischen Moderne, darunter Robert Delaunay, Piet Mondrian und Francis Picabia. Hedwig Ilses Werke scheinen bei der zeitgenössischen Kunstkritik allerdings keine grössere Resonanz gefunden zu haben; bislang konnte keine Erwähnung ihrer ausgestellten Arbeiten nachgewiesen werden.
1914 stellte Hedwig Ilse erneut unter ihrem Pseudonym drei Werke auf dem «Salon des indépendants» aus. Im Ausstellungskatalog wurde ihr Name fälschlicherweise als «May-Hilse Lodron»(22) angegeben. Immerhin stimmte nun der angegebene Geburtsort Heidelberg. Ob es ihr zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich oder nicht mehr wichtig war, ihre deutsche Herkunft zu verbergen, muss offenbleiben. Die drei skulpturalen Werke, die sie zeigte, trugen die Titel «Les nerfs verts», «Objet d’or» und «Mouvement». Im Gegensatz zum vorangegangenen Salon hinterliess Hedwig Ilse bei dieser Ausgabe jedoch deutlich mehr Spuren in den überlieferten Quellen. So hat sich in der Bibliothèque nationale de France ein Brief erhalten, den sie am 1. März 1914 an Guillaume Apollinaire (1880–1918) sandte. Darin beklagte sich Ilse bitterlich über die ihr seitens der «Société des artistes indépendants» entgegengebrachte Respektlosigkeit:
«Sie müssen mir helfen gegen die Independant einen Artikel zu schreiben – man hat mir die Figur in 1’000 Stücke zerschlagen und die andern Dinge nur abimer(23). Man hat sich gar nicht entschuldigt – und ich weiss nicht was ich jetzt gegen diese Unverschämtheit machen soll. Es muss ein grösserer Skandal gegen diese Gesellschaft gemacht werden. Ich werde austreten aus dieser sociète auch Archipenko. Man hat mich schrecklich behandelt.»(24).
Ob und was Apollinaire auf den Brief antwortete, ist nicht bekannt. Dass Hedwig Ilse sich mit ihrem Anliegen gerade an ihn wandte, dürfte jedoch kein Zufall gewesen sein, denn bereits am 23. Februar 1914 hatte er ihre Skulpturen in einem anlässlich der Vorvernissage des «Salon des indépendants» erschienenen Artikel in der Zeitung L’Intransigeant erwähnt: «A la sculpture il faut signaler encore (…) les statuettes de Mlle. Lodron»(25). Die Episode deutet zudem darauf hin, dass Hedwig Ilse Kontakte zu anderen Kunstschaffenden pflegte, offenbar auch zu Alexander Archipenko (1887–1964), der massgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der modernen Bildhauerei in Europa nahm. Hedwig Ilses Zeit in Paris neigte sich jedoch, vermutlich ungewollt, bereits ihrem Ende zu. Am 3. August 1914 erklärte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg. Dass die Tochter eines deutschen Truppenkommandeurs, der
massgeblich am Angriff auf Frankreich beteiligt war, Paris unter diesen Umständen verlassen musste, erscheint vor diesem historischen Hintergrund nachvollziehbar.
Berlin – Wien – Berlin
Wo sich Hedwig Ilse zwischen April 1914 und März 1915 überall aufhielt, lässt sich nicht mehr eindeutig ermitteln. Mit einiger Sicherheit hielt sie sich vor ihrer Rückkehr nach München auch in Köln auf, wo ihr Vater als Kommandeur der 5. Fussartillerie-Brigade stationiert war. Leider wurde das Melderegister der Stadt Köln im Zweiten Weltkrieg weitgehend vernichtet. Nachweisen lassen sich hingegen mehrere Aufenthalte in Berlin. So trug sie sich am 14. Juni 1914 erstmals in das Gästebuch von Nell und Herwarth Walden ein(26). Ende Januar 1915 folgte ein weiterer Eintrag, diesmal gemeinsam mit dem Schweizer Bildhauer Fritz Huf (1888–1970) und dessen Lebensgefährtin Sophie van Leer (1892–1953)(27). Beide Male verwendete sie das Pseudonym «May Lodron». Die wiederholten Aufenthalte lassen darauf schliessen, dass Hedwig Ilse in dieser Zeit engere Verbindungen nach Berlin unterhielt, wohin sie später wieder zurückkehren sollte.
Auch der Kontakt zu Herwarth Walden blieb vorerst bestehen. Im März 1915 zeigte Hedwig Ilse unter ihrem Pseudonym «Ilse Lodron» im Rahmen der 31. Ausstellung der Galerie «Der Sturm» einige Skulpturen. Es handelte sich um eine Doppelausstellung mit Jacoba van Heemskerck, mit der sie bereits 1913 am «Salon des indépendants» in Paris ausgestellt hatte. Eine genaue Werkliste ist nicht überliefert; im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München hat sich lediglich ein Handzettel zur Ausstellung erhalten(28). Gemäss einem Brief Jacoba van Heemskercks an Walden dauerte die Ausstellung bis zum 15. April 1915(29).
An eben jenem Tag kehrte Hedwig Ilse, aus Köln kommend, nach München zurück. Dort wohnte sie zunächst beim Kunstmaler Felix Fuchs-Nordhoff, danach bei der Majorswitwe Petrona Ritthausen, bevor sie zeitweise zu ihrem Cousin, dem Maler Siegfried Czerny (1899–1979)(30), zog. Vermutlich nahm sie zu dieser Zeit auch den Unterricht an der Damen-Akademie wieder auf.
Anfang Dezember 1915 verliess Hedwig Ilse München in Richtung Wien, kehrte jedoch bereits Ende des Monats nach München zurück. Dort hielt sie sich nur kurze Zeit auf, bevor sie im Januar 1916 erneut nach Wien reiste. Der Grund für ihre Aufenthalte in Wien dürfte mit ihrer Beteiligung an der 12. Ausgabe des Mappenwerks «Mode Wien 1914/15»(31) zusammengehangen haben, die im Dezember 1915 in einer Auflage von 50 Exemplaren bei
Eduard Kosmack (1880–1947), einem Neffen Adolf Hölzels, erschien. Hedwig Ilse steuerte als achtes Blatt der Mappe einen Linolschnitt bei, den sie unter ihrem Pseudonym «May Ilse Lodron» veröffentlichte.

Die in den Mappen enthaltenen druckgrafischen Arbeiten wurden durch die Studierenden der Textilabteilung der Wiener Werkstätte unter der Leitung von Josef Hoffmann (1870-1956) auf der Handpresse gedruckt(32). Eine weitere Verbindung zu Wien lässt sich vorerst nicht ermitteln, obwohl Hedwig Ilse Wien verschiedentlich als Station auf ihrem künstlerischen Bildungsweg erwähnte. In einen Artikel, welcher 1927 in der brasilianischen Zeitschrift Revista da Semana erschien, wird beispielsweise erwähnt, dass sie «neben ihrer Ausbildung in München auch in Wien und Paris studiert hat»(33). Am 19. Januar 1916 kehrte Hedwig Ilse nach München zurück und lebte erneut bei ihrem Cousin Siegfried Czerny an der Königinstrasse 69, wo sie bis im Oktober blieb. Ob sie in diesen Monaten weiterhin Unterricht an der Damen-Akademie erhielt, ist nicht belegbar. Dass May Ilse offenbar neben ihren Fähigkeiten als Malerin und Bildhauerin auch kunstgewerblich veranlagt war, zeigte sich indes nicht nur in ihrer Mitarbeit am vorgängig erwähnten Mappenwerk «Mode Wien 1914/5», sondern auch darin, dass sie im Oktober 1916 an einer Modeschau im Hohenzollern-Kunstgewerbehaus in Berlin zusammen mit May Purtscher (1889–?) eigene
Kleiderentwürfe präsentierte. Das Berliner Tageblatt berichtete:
«Zu einer Modeschau hatte gestern das Hohenzollern-Kunstgewerbehaus geladen, um die Modelle aus den eigenen Werkstätten und die zweier Münchener
Künstlerinnen, May Purtscher und May Lodron zu zeigen. (…) Die vorgeführten Modelle, zum größten Teil Tee- Gesellschafts- und Morgenkleider, gaben sich als künstlerische Eigenkleider, in der Erfindung durch Phantasie und Farbenreiz ausgezeichnet. Meist verwendet waren luftige Stoffe, wie Seidenchiffon, Schleierstoff, Krepp und weiche Seiden, in zarten Farben bemalt oder gebatikt, über einfarbigen Unterkleidern. Sie hatten entweder eine lose Gewandform oder über anliegendem Unterkleid einen peplonartigen Überwurf. Auch der beduinenartige Seidenumhang kam in sehr schönen Farbenstellungen zu Ehren. Besonderen Anklang fand ein Kleid mit langer Taille und Paniers aus grossgeblümter Seide über weitem grünen Seidenrock und ein Kleid aus blaugrüner Seidenhaut mit Libellen bestickt und buntem Samtmieder»(35).
Es ist die einzige bislang belegte Zusammenarbeit mit May Purtscher (geb. von Maydell), der ersten Frau des österreichischen Malers Alfons Purtscher (1885–1962), die in der Literatur häufig fälschlicherweise als dessen Mutter bezeichnet wird. Purtscher verkehrte wie Hedwig Ilse in Münchner Künstlerkreisen und war eine Vertraute Rainer Maria Rilkes und seiner Frau, der Bildhauerin Clara Westhoff(36). Ihr weiterer Lebensweg ist bislang ungeklärt. Im März 1922 verliess sie München in Richtung Tallinn; danach lässt sich keine weitere künstlerische Tätigkeit mehr nachweisen. Hedwig Ilse scheint in den folgenden Jahren ihren Lebensmittelpunkt zunehmend von München nach Berlin verlegt zu haben.
Olaf Gulbransson
Olaf Gulbransson wurde bereits im Zusammenhang mit Hedwig Ilses Angabe, am «Salon des indépendants» von 1913 in Norwegen geboren zu sein, erwähnt. Es darf als gesichert gelten, dass sie mit dem norwegischen Künstler eine enge persönliche Beziehung verband.
Davon zeugen die Erinnerungen von Ursula von Mangoldt-Reiboldt (1904–1987):
«Zu jenen Zeiten liebte er [Olaf Gulbransson] eine Freundin meiner Mutter, die blonde, schlanke, wunderschöne May Ilse, Tochter eines preussischen Generals, deren faszinierender Charme, mit einer fast unnahbaren Vornehmheit verbunden, unendlich anziehend war. Auf Briefen, die Olaf schrieb, zeichnete er oft Züge ihres Gesichtes, und aus vielen seiner Bilder sprechen unvergessliche Erinnerungen an sie»(37).
Werke Gulbranssons, die Hedwig Ilse darstellen, sind heute nicht mehr nachweisbar. Allerdings wurde 1960 beim Münchner Auktionshaus Karl & Faber eine auf 1917 datierte Zeichnung Gulbranssons unter dem Titel «Frauenkopf, en face» versteigert. Der Auktionskatalog identifiziert die argestellte als May Ilse(38).
Ehe mit Christian Lahusen
Neben den Ausstellungen in Waldens Galerie «Der Sturm» und der Modeschau im Hohenzollern-Kunstgewerbehaus lässt sich für Hedwig Ilse während der 1910er Jahre
bislang keine weitere Ausstellungstätigkeit nachweisen. Da zudem die historische Berliner Meldekartei aus der Zeit vor 1945 als weitgehend verschollen gilt(39), lassen sich auch ihre Aufenthalte innerhalb Berlins nicht mehr lückenlos nachvollziehen. Es scheint jedoch, dass sie auch in Berlin keinen dauerhaften Wohnsitz unterhielt. Einen Hinweis darauf liefert der Berliner Traueintrag ihrer ersten Ehe vom März 1917. Als Wohnadresse ist dort die Cronenberger Strasse 7 angegeben. Dabei handelte es sich um das eindrucksvolle Anwesen «Palazzo Paicos» des Bankiers Fritz Andreae und seiner Familie. Diese Verbindung erklärt zugleich die bereits erwähnten Erinnerungen Ursula von Mangoldt-Reiboldts, einer Tochter von Fritz Andreae und Edith Andreae, geb. Rathenau, der Schwester Walter Rathenaus.

Am 28. März 1917 heiratete Hedwig Ilse in Berlin den Komponisten Christian Lahusen. Wie der Kontakt zwischen den beiden zustande kam, lässt sich nicht mehr nachweisen. Eine mögliche Verbindung könnte Hedwig Ilses Bruder Siegfried gewesen sein. Sowohl er als auch Lahusen dienten während des Ersten Weltkriegs als Jagdflieger und wurden mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Ebenso denkbar ist, dass sich Hedwig Ilse und Lahusen in einem der zahlreichen Salons Edith Andreaes kennenlernten. Sie galt gemeinhin als:
«eine der wenigen Frauen, denen es in den zwanziger Jahren noch einmal gelang, die Salongeselligkeit wiederzubeleben, d. h. nicht nur eine vollendete Geselligkeit zu schaffen, sondern führende Künstler, Literaten und Gelehrte ihrer Zeit, um sich zu versammeln. Sie war begabt und hochgebildet; sie galt als die intellektuellste Frau in Berlin»(41).
Trauzeuginnen dieser Ehe waren die Malerin Gertrud Sauermann (1885–1945), die in unmittelbarer Nähe der Galerie «Der Sturm» an der Potsdamerstrasse 121g wohnte, und die Ärztin Emma Wolff von Todenwarth, Witwe des früh gefallenen expressionistischen Malers Gaston Freiherr von Todenwarth (1891–1914). Die Ehe zwischen Christian Lahusen und Hedwig Ilse war indes nur von kurzer Dauer. Bereits am 22. Oktober 1917 wurde sie in München geschieden. Wie Isolde Maria Weineck berichtet, hinterliess May Ilse «keine Spuren in der Lahusenschen Familiengeschichte. Von ihr gibt es weder ein Bild noch einen Brief, noch ein privates Erinnerungsstück». Das Einzige, was Lahusens Schwester Hedwig Menke von ihr in Erinnerung blieb, war, dass sie eine «blonde, kühle schöne Frau» gewesen sei.
Warum die Ehe nur von so kurzer Dauer war, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Ursula von Mangoldt-Reiboldt weist in ihren Erinnerungen jedoch auf die enge Beziehung zwischen Olaf Gulbransson und Hedwig Ilse hin, die Weineck als «Anlass zu einer schnellen Beendigung dieser Ehe-Episode»(42) bezeichnet.
Ehe mit Carl Henrik Wrede
Für Hedwig Ilse scheint diese kurze Ehe ebenfalls keinen nachhaltigen Einschnitt dargestellt zu haben, denn bereits am 27. August 1918 heiratete sie in München den aus einem schwedisch-finnischen Adelsgeschlecht stammenden Bildhauer Carl Henrik «Callo» Wrede (1890–1924). Wrede ist, wie Hedwig Ilse, heute weitgehend in Vergessenheit geraten, was die Aufarbeitung seiner Biografie erheblich erschwert. Als Höhepunkt seiner Karriere wird in zeitgenössischen Quellen wiederholt seine Büste Papst Benedikts XV. angeführt(43).

Im Archive of Art and Design des Victoria and Albert Museum in London findet sich ein ausgefüllter Fragebogen, den William Kineton Parkes im Zuge seiner Arbeiten über das zeitgenössische bildhauerische Schaffen an Wrede sandte. Daraus geht hervor, dass Wrede ebenfalls zwischen 1912 und 1914 in Paris studierte, was seine Bekanntschaft und spätere Beziehung mit Hedwig Ilse erklären könnte. Wenzel Hagelstam, ein Nachkomme des Bruders von «Callo» Wrede, schreibt in seinen Aufzeichnungen, dass Wrede in Paris ebenfalls bei «Auguste Rodin und Antoine Bourdelle»(45) studiert habe. Das biografische Nachschlagewerk für Svenskfinland Vem och vad? nennt im Eintrag zu Carl Henrik Wrede in der Ausgabe von 1920 überdies die Studiendaten «Paris 12–14» und «Rom 19–20»(46).
In den Jahren von 1918 bis 1923 lassen sich nur wenige Spuren von Hedwig Ilse finden, die sich nun Freifrau von Wrede nannte. Weder in Zeitungsberichten über ihren Ehemann noch in deutschen Veröffentlichungen liessen sich bislang Hinweise auf eine eigene künstlerische Tätigkeit oder nähere Angaben zu ihrem Leben in diesen Jahren nachweisen. Auch dieser zweiten Ehe war keine lange Dauer beschieden. Im März 1923 kehrte Hedwig Ilse nach München zurück und wohnte dort bis Februar 1924 zunächst in der Pension Haack und anschliessend bei verschiedenen Bekannten, darunter dem Schauspieler Ludwig Götz (1891–1958). «Callo» Wrede starb am 30. April 1924 in Helsinki an einer Meningitis(47). In den bislang aufgefundenen Nachrufen auf Wrede findet sich keine Erwähnung Hedwig Ilses.Auch aus dieser Ehe sind damit nur wenige Spuren ihres gemeinsamen Lebens überliefert. Den Namen und Adelstitel der Familie Wrede führte sie jedoch auch nach dem Ende der Ehe weiter. Das Werk Carl Henrik Wredes ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Von 1972 bis 2010 bestand jedoch auf dem Familiensitz der Wredes, dem Landgut Anjala bei Kouvola, ein Museum, in dem auch einige seiner Werke gezeigt wurden.
Ehe mit Günter von Bernstorff
Bereits am 7. Februar 1924 heiratete Hedwig Ilse in Frankfurt am Main den Bankier Graf Günther von Bernstorff (1891–1947). Von Bernstorff entstammte der deutsch-dänischen Politiker-und Diplomatenfamilie von Bernstorff und war ein Sohn des ehemaligen deutschen Botschafters in den USA, Johann Heinrich von Bernstorff (1862–1939). Zu seinen Cousins zählte der spätere Widerstandskämpfer Albrecht Graf von Bernstorff (1890–1945), der von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Welche Rolle die prominente und adelige Herkunft ihres neuen Ehemannes bei dieser Verbindung spielte, lässt sich nicht belegen. Auffällig ist
jedoch, dass Hedwig Ilse fortan unter dem Namen May von Bernstorff auftrat und diesen auch nach der späteren Scheidung bis an ihr Lebensende beibehielt. Bereits kurz nach der Heirat geriet das frisch vermählte Paar in Schwierigkeiten. Günther von Bernstorff hatte sich mit seiner Privatbank Bernstorff & Co. übernommen und zahlreich Kleinanleger geschädigt. Im Dezember 1924 erliessen die Frankfurter Behörden einen Steckbrief gegen ihn. Das Ehepaar von Bernstorff verliess Deutschland in der Folge in Richtung Südamerika. Ob die Ausreise unmittelbar mit den Ermittlungen gegen Günther von Bernstorff zusammenhing, lässt sich zwar nicht abschliessend belegen, erscheint angesichts der zeitlichen Abfolge jedoch naheliegend. Am 30. Mai 1925 kam May von Bernstorff, vermutlich gemeinsam mit ihrem Gatten, aus Argentinien kommend in Brasilien an.
Am 9. Februar 1926 wurde Günther von Bernstorff in Frankfurt in absentia verurteilt; seine beiden Mitstreiter in der gescheiterten Bank erhielten mehrmonatige Haftstrafen. Zahlreiche Zeitungen berichteten über den Fall. So schrieb beispielsweise die Bonner Zeitung: «In Frankfurt sind die beiden Leiter der in der Inflationszeit emporgewucherten Bernstorffbank, die viele kleine Leute durch ihren Zusammenbruch geschädigt hat, zu 4 und 5 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Graf Günther Bernstorff wird steckbrieflich verfolgt»(48).
Bernstorff gelang es offenbar später unter tatkräftiger Hilfe der Familie Ilse(49), die aus dem Zusammenbruch seiner Bank entstandenen Schulden weitgehend zu tilgen. Im Westfälischen Merkur wurde berichtet, dass er vom Ausland aus «mit Hilfe von Verwandten Zweidrittel der Schulden gedeckt» habe, «so dass noch 60’000 Mark zu regulieren sind»(50). Emil Ilse hatte sich nach seiner Zeit bei der Armee in den 1920er Jahren als Geschäftsführer der Westdeutschen Wegebaugesellschaft in Düsseldorf niedergelassen und dabei geholfen, «in Deutschland den modernen Walzasphaltstrassenbau»(51) einzuführen. Seine berufliche Stellung lässt zumindest vermuten, dass er über die finanziellen Mittel verfügte, um seinen Schwiegersohn entsprechend zu unterstützen.
Im Juli 1927 reichte May von Bernstorff ihren Antrag auf Einbürgerung in Brasilien ein(52). Als Wohnadresse gab das Ehepaar das unmittelbar an der Copacabana gelegene Hotel de Londres an(53). Obwohl sie und ihr Mann nun in Brasilien eingebürgert und sesshaft geworden waren, zeichneten sich die folgenden Jahre vor allem durch eine rege Reisetätigkeit May von Bernstorffs aus. Zu Beginn des Jahres 1928 hielt sie sich vermutlich wieder in Deutschland auf, denn am 11. Juli 1928 reiste May von Bernstorff als Passagierin erster Klasse von Hamburg an Bord der «Cap Arcona» nach Rio de Janeiro(54). Das Schiff sollte am Ende des Zweiten Weltkriegs ein tragisches Schicksal ereilen. Die Überfahrt dürfte gut zwei Wochen gedauert haben, bevor May von Bernstorff wieder in Brasilien eintraf. Bemerkenswerterweise wurde sie in der Passagierliste als Schweizer Staatsbürgerin mit Wohnort Zürich geführt. In den bislang konsultierten Schweizer Quellen finden sich jedoch keine Hinweise darauf, dass May von Bernstorff zu irgendeinem Zeitpunkt die Schweizer Staatsbürgerschaft besass oder ihren Wohnsitz in der Schweiz hatte.
Die nächsten Jahre verbrachte sie, vermutlich mit nur wenigen Unterbrechungen, in Rio de Janeiro und dürfte sich dort rasch in den gehobenen Gesellschaftskreisen etabliert haben. Bereits im Oktober 1928 erschien im Jornal do Brasil eine Kolumne über das Ehepaar von Bernstorff, die auch auf May von Bernstorffs künstlerische Ausbildung in Paris Bezug nahm:
Das Zeichnen nach der Natur wurde ihr rasch vertraut. Später wandte sie sich der Bildhauerei zu. Bildhauerin zu sein, der kalten und rohen Marmormasse ihre Seele einzuhauchen und ihr Leben einzuflößen, war der Traum der jungen Künstlerin.
Professor Antoine Bourdelle, dessen Schülerin sie bald wurde, entwickelte ihre Begabung Schritt für Schritt bis zur verdienten Anerkennung(55).
In der Kolumne wird auch auf die komfortable Wohnsituation des Ehepaars von Bernstorff eingegangen:
Die Wohnung war geschmackvoll eingerichtet, mit dekorativen Lampenschirmen, Wandpaneelen, zahlreichen Kissen, Teppichen und Ruheliegen. Regale zeigten Modelle von Statuen und Brunnen sowie zahlreiche Fotografien ihres künstlerischen Schaffens.
Als Wohnhaus wird ein «Palaceto Imperio» in der Nähe der Copacabana erwähnt; zu einem Gebäude dieses Namens lassen sich bislang allerdings keine weiteren Angaben finden. Der Almanach Laemmert(56) des Jahres 1931 verzeichnet Günther von Bernstorff unter der Adresse Rua Haritoff 33, der heutigen Rua Ronald de Carvalho 91. An dieser Adresse befindet sich der 1929 errichtete «Palaceto São Paulo», ein Apartmenthaus, in dem luxuriöse Wohnungen vermietet wurden.

heute noch weitgehend unverändert besteht(57).
Dass es sich dabei tatsächlich um die Wohnadresse der von Bernstorffs handelte, wird auch durch einen Ausstellungskatalog aus dem Jahr 1932 belegt, der diese Adresse unmittelbar May von Bernstorff zuordnet. Bestätigt wird dies ferner durch einen Artikel der Zeitschrift O Cruzeiro vom Januar 1932, in dem der Wohnort der von Bernstorffs ebenfalls «an der Rua Haritoff in Copacabana» verortet wird(58).
Über diese frühen und durchaus mondänen Jahre an der Copacabana finden sich in einem Nachruf auf May von Bernstorff, den die Zeitung O Dia 1945 veröffentlichte, einige weitere Angaben:
Dank des guten Geschmacks und des Savoir-faire ihrer eleganten Hausherrin wurde das Haus des Grafenpaars Bernstorff zum bevorzugten Treffpunkt der feinen Gesellschaft. Mehrere ihrer Gesellschaften prägten durch Originalität und Vornehmheit eine Epoche im gesellschaftlichen Leben Rios. Adelige, Diplomaten, Künstler und ganz Rio gingen in ihren Salons ein und aus(59).
Über die rauschenden Gesellschaften, die sie und ihr Mann veranstalteten, berichteten die brasilianischen Zeitungen in den frühen 1930er Jahren immer wieder. Einen Höhepunkt stellte laut O Dia wohl ein Fest unter dem Titel «Happy Days» dar, «in Form einer imaginären Reise auf einer improvisierten Jacht, welche vollständig von den Bernstorffs entworfen worden war». Auffallend ist hingegen, dass sich nur sehr wenige Artikel in der brasilianischen Presse mit dem künstlerischen Schaffen May von Bernstorffs auseinandersetzten. Vielmehr tauchte sie immer wieder in Kolumnen auf, die sich der gehobenen Gesellschaft Rios und deren Lebensumständen widmeten. Vereinzelt wurde May von Bernstorff zwar ausdrücklich als Bildhauerin bezeichnet, jedoch meist ohne direkten Bezug zu ihren Werken. Eine Ausnahme bildete die Zeitschrift Bazar, eine kurzlebige, aber durchaus ambitionierte brasilianische Kultur- und Gesellschaftszeitschrift der frühen 1930er Jahre. Darin erschienen sowohl eine Porträtfotografie May von Bernstorffs als auch einige ihrer Illustrationen. Bereits in der ersten Ausgabe vom September 1931 wurde sie ganzseitig porträtiert:
Die bewundernswerte Bildhauerin nahm am Gefolge des Selim Pascha teil, der von Graf Dejean, dem französischen Botschafter, dargestellt wurde. Sie trug ein authentisches und überaus prächtiges orientalisches Kostüm, das an die Ballette aus Fürst Igor erinnerte(60).

Dass May von Bernstorff indes auch künstlerisch tätig war, lässt sich aufgrund der deutlich dünneren Quellenlage weniger umfassend dokumentieren. Zumindest existieren drei konkrete Hinweise auf Ausstellungen während ihrer Zeit in Brasilien. Im Februar 1927 stellte sie in der Galeria Jorge in Rio de Janeiro aus, die heute als eine der bedeutendsten kommerziellen Kunstgalerien Rio de Janeiros im frühen 20. Jahrhundert gilt(61). Ein zeitgenössischer Hinweis auf die Ausstellung May von Bernstorffs findet sich in der Illustrierten Revista da Semana, die die Galeria Jorge als das «Zentrum unseres Kunstlebens» bezeichnet und das Werk May von Bernstorffs in höchsten Tönen lobt:
Sie ist eine Bildhauerin von unbestreitbarem Können. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch die Zartheit und Feinheit der Modellierung sowie durch eine modernistische Tendenz ohne Übertreibungen oder Extravaganzen aus, die ausgesprochen ansprechend wirkt(62).
Die dem Artikel nachgestellte Fotografie zeigt May von Bernstorff zwischen zwei der ausgestellten Werke, den Porträtbüsten des amerikanischen Botschafters Edwin Morgan und einer lediglich als «Mrs. Daniel» bezeichneten Frau.

Im September 1931 nahm sie an der 38. Exposição Geral de Bellas Artes teil, die in der Escola Nacional de Belas Artes (ENBA) in Rio de Janeiro stattfand. Die Schule befand sich damals in dem Gebäude an der Cinelândia, das heute das Museu Nacional de Belas Artes beherbergt. Die Ausstellung des Jahres 1931 war aussergewöhnlich umfangreich: Mehr als 200 Künstlerinnen und Künstler nahmen mit insgesamt 506 Gemälden, 129 Skulpturen und Grafiken sowie 35 Architekturprojekten teil. Dies dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass die eingereichten Werke keiner Jurierung unterzogen wurden(63). Wie dem Ausstellungskatalog zu entnehmen ist, war May von Bernstorff mit fünf Skulpturen vertreten. Dabei dürfte es sich vorwiegend um Porträtbüsten gehandelt haben, darunter das bereits erwähnte Bildnis von Edwin Morgan sowie Büsten von Dr. Antonio Carlos und Gilbert Landsberg(64).
Im Mai 1932 nahm sie am 4. Salão dos Artistas Brasileiros im Palace Hotel in Rio de Janeiro teil(65), der von der Associação dos Artistas Brasileiros (AAB) ausgerichtet wurde. Gemäss einem Artikel in der Zeitschrift Fon-Fon stellte May von Bernstorff dort ein Gemälde mit dem Titel «Tres rapazes» (Drei Jungen) aus(66). Ob es sich dabei um das unten abgebildete Gemälde handelt, das in der Zeitschrift O Cruzeiro vom 16. Januar 1932 unter dem Titel «Tres estudantes» (Drei Studenten) reproduziert wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Die zeitliche Nähe und die Ähnlichkeit der beiden Titel könnten jedoch darauf
hindeuten, dass es sich um dasselbe Werk handelt.

Neben dem regen gesellschaftlichen Leben und dem künstlerischen Schaffen May von Bernstorffs scheint es in den frühen 1930er Jahren auch zunehmend zu Spannungen zwischen ihr und Günther von Bernstorff gekommen zu sein. Ihre in den Jahren nach 1932 einsetzende ausgedehnte Reisetätigkeit könnte bereits Ausdruck dieser Entwicklung gewesen sein, die schliesslich 1934 in der Scheidung des Ehepaars mündete.
Ungeachtet der gesellschaftlichen Rolle, die May von Bernstorff in Brasilien offenbar einnahm und wohl auch selbst pflegte, sollten sich die späteren 1930er Jahre zu ihrer vielleicht produktivsten künstlerischen Phase entwickeln. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die internationale Rezeption ihres Werks.
«Ein Leben zwischen den Kontinenten»
1932 reiste sie erneut an Bord der «Cap Arcona» von Buenos Aires nach England, wo sie am 23. Dezember im Hafen von Plymouth eintraf und anschliessend nach London weiterreiste(67). Mit einigen Unterbrechungen hielt sie sich in den folgenden Monaten in
London auf und wohnte, vermutlich durch Vermittlung Albrecht Graf von Bernstorffs(68), zeitweise auch in der Deutschen Botschaft. Offenbar plante sie während dieses Aufenthalts eine Ausstellung ihrer Werke. So berichtete ein Zeitungsartikel im Februar 1933: «[Countess May von Bernstorff] (…) has come to London to give an exhibition of her paintings. She will
be presented at one of the first Courts»(69). Der Bericht verweist damit auf zwei voneinander unabhängige Ereignisse: zum einen auf eine geplante Ausstellung ihrer Gemälde, zum anderen auf ihre bevorstehende Vorstellung bei einem der sogenannten Courts des britischen Königshauses. Diese im Buckingham Palace abgehaltenen Hofveranstaltungen dienten der formellen Einführung in die britische Hofgesellschaft. Ob und wo die angekündigte Ausstellung tatsächlich stattfand, lässt sich anhand der bislang aufgefundenen zeitgenössischen Quellen ebenso wenig feststellen wie die Frage, ob May von Bernstorff tatsächlich bei Hofe vorgestellt wurde. Auch eine mögliche Vermittlung durch Albrecht Graf von Bernstorff bleibt bislang unbelegt. Zumindest scheint es ihr in London rasch gelungen zu sein, Zugang zu gehobenen Gesellschaftskreisen zu finden und auch auf der anderen Seite des Atlantiks einige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Diese galt allerdings erneut weniger ihrer künstlerischen Tätigkeit als vielmehr ihrer Person und ihrem äusseren Auftreten:
Sie trägt weite Hosen in leuchtenden Farben und eine kleine Mütze, halb Baskenmütze, halb Fes, die vermutlich eine neue Mode auslösen würde, wenn man sie nur dazu bewegen könnte, sie auch ausserhalb der Abgeschiedenheit
ihres eigenen Ateliers zu tragen(70).
Aus dem Februar 1933 sind überdies zwei Porträtaufnahmen erhalten, die May von Bernstorff an einer Staffelei und umgeben von mehreren ihrer Werke zeigen. Die Fotografien wurden in verschiedenen englischen Tageszeitungen veröffentlicht(71). Zu erkennen ist auch das bereits in Südamerika ausgestellte Gemälde «Tres estudantes» sowie zwei weitere Leinwände:


Dass May von Bernstorffs künstlerische Ambitionen über Malerei und Bildhauerei hinausgingen, zeigt sich auch in einer offenbar geplanten Zusammenarbeit mit dem britischen Theaterproduzenten Charles B. Cochran (1872–1951), der vor allem durch seine Revueproduktionen Berühmtheit erlangt hatte. So berichtete die Presse: «Wie ich höre, interessiert sich Mr. Cochran sehr für ein modernes wortloses Theaterstück, das sie soeben fertiggestellt hat, und hofft, es für sie produzieren zu können»(72). Ob die geplante Zusammenarbeit tatsächlich zustande kam oder das Stück jemals aufgeführt wurde, lässt sich allerdings nicht nachweisen.
Augenfällig ist jedenfalls, dass May von Bernstorff auch in London rasch Eingang in die Gesellschafts- und Boulevardpresse fand: «(…) Countess von Bernstorff gehör[t] zu den kosmopolitischen Persönlichkeiten, die derzeit bei eleganten Gesellschaften stets anzutreffen sind»(73). Im Juli 1933 liess sie sich von der renommierten Fotografin Dorothy Wilding (1893–1976) für die Zeitschrift The Tatler porträtieren. Wilding hatte sich insbesondere mit ihren Porträts der britischen Königsfamilie einen Namen gemacht. In dem kurzen Begleittext zur Fotografie wird zudem angekündigt, dass May von Bernstorff «in Kürze mit der Arbeit an einer Büste von Herrn Adolf Hitler beginn[t], Deutschlands spektakulärstem Reichskanzler»(74). Ob dieses Vorhaben über eine blosse Ankündigung hinausging und die Büste tatsächlich ausgeführt wurde, lässt sich bislang nicht nachweisen.


Wie erwähnt, sind aus der Zeit ihres Aufenthalts in London nur wenige Dokumente überliefert; Hinweise auf eine umfangreichere Ausstellungstätigkeit finden sich bislang nicht. Gleichzeitig lassen die überlieferten Quellen erkennen, dass May von Bernstorff, anders als viele ihrer nun verfemten ehemaligen künstlerischen Weggefährten, offenbar bereit war, sich mit ihren Arbeiten im Umfeld der neuen Machthaber in Deutschland zu positionieren. Darauf weisen neben der bereits im Tatler angekündigten Büste Adolf Hitlers auch eine um 1933 entstandene Büste Hermann Görings als Flieger, die sie angeblich für den Flughafen Tempelhof schuf, sowie ihre Entwürfe für ein «Denkmal der nationalen Arbeit» hin. Letztere stiessen auch in der deutschen Presse auf ein breites Echo.



Wie Raith in seinem Buch zur Architektur am Ende der Weimarer Republik ausführt, entstanden die Entwürfe offenbar in Zusammenarbeit mit dem Architekten Dominikus Böhm (1880–1959): «Bei den ebenfalls wenig bekannten Entwürfen für ein Denkmal der nationalen Arbeit (1933) in Berlin, die Böhm auf Veranlassung der Bildhauerin May von Bernstorff anfertigte (…)»(75). Über die genaue Arbeitsteilung zwischen Bernstorff und Böhm ist bislang wenig bekannt. In den zeitgenössischen Tageszeitungen wird jeweils nur eines von offenbar mehreren Modellen für das geplante Denkmal wiedergegeben. Dabei handelte es sich um:
(…) eine 13 Meter hohe Steinpyramide (…), auf der das 3 Meter hohe Bronzedenkmal eines jungen deutschen Arbeiters steht. Die Basis der Pyramide trägt an den Ecken 4 Frauengestalten, die die deutschen Tugenden Treue, Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit verkörpern. In die Pyramide ist eine Ehrenhalle des deutschen Arbeiters eingebaut, deren Eingang durch eine schwere Bronzetür mit dem Hakenkreuz verschlossen ist. Das Innere der Halle wird als grosses Gewölbe ausgebaut mit einem in die Erde gestossenen Schwert. Die Halle soll nur bei besonders feierlichen Anlässen, vielleicht einmal am 1. Mai, geöffnet werden. Um das Denkmal herum soll eine 5 Meter hohe Steinkolonnade angelegt werden, auf deren gotischen Torbogen 56 lebensgrosse Arbeiter in Bronze stehen. Als Platz für das Denkmal ist der Große Stern im Tiergarten gedacht(76).
Die Entwürfe, welche in zahlreichen deutschsprachigen Tageszeitungen wiedergegeben wurden, brachten May von Bernstorff offenbar einiges an Aufmerksamkeit ein.



Sogar Waldens früherer Wegbegleiter Karl Kraus nahm in Die Dritte Walpurgisnacht Notiz von dem geplanten Monument und bemerkte lakonisch, dass die neuen deutschen Machthaber den Sozialismus zugunsten eines Plans aufgegeben hätten, ein «Denkmal der deutschen Arbeit» zu errichten, «an dem vier Frauengestalten, nämlich Treue, Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit die Tugenden des deutschen Volkes darstellen sollen»(76). Das von May von Bernstorff initiierte und gemeinsam mit Dominikus Böhm entwickelte Denkmal wurde indes nie realisiert. Immerhin scheint die mediale Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit den Entwürfen gross genug gewesen zu sein, dass Werner Richard Deusch (1903–1977)(77) May von Bernstorff im Juli 1933 einen eigenen Artikel in der Zeitschrift Weltkunst widmete.
Darin zeichnet er einige Stationen ihres bisherigen künstlerischen Werdegangs nach, behauptet allerdings fälschlicherweise, dass sie «bisher in Deutschland mit eigenen Arbeiten noch nicht hervorgetreten war». Ob von Bernstorff gegenüber Deusch ihre frühere Tätigkeit in den Kreisen der künstlerischen Moderne bewusst unerwähnt liess oder ob ihre früheren Ausstellungen aufgrund der verschiedenen von ihr verwendeten Namen schlicht nicht bekannt waren, lässt sich nicht mehr feststellen. Der Artikel konzentriert sich vorwiegend auf ihr Wirken in Rio de Janeiro und insbesondere auf ihre Büste Hermann Görings.
Trotz ihrer interkontinentalen Reise- und Arbeitstätigkeit blieb vorerst eine Verbindung zum künstlerischen Leben des Dritten Reichs bestehen. Obwohl sie weder Arbeiten noch Fotografien ihrer Werke eingereicht hatte, wurde May von Bernstorff im Juli 1934 von der Preussischen Akademie der Künste ein Studienaufenthalt an der Deutschen Akademie in Rom (Villa Massimo) zugesprochen. Bemerkenswert ist diese Entscheidung auch deshalb, weil Hans Poelzig und Eberhard Hanfstaengl, die als einzige Juroren mit ihrem Werk vertraut waren, ihr kein bedeutendes Talent attestierten(79). Als Adresse gab sie in ihrem Antrag die Wohnung ihrer Mutter Ida Ilse an der Kaulbachstrasse 33 in München an. Den zugesprochenen Studienaufenthalt trat sie jedoch offenbar nicht an. Gegenüber der Oakland Tribune erklärte sie 1937 rückblickend: «Ich habe es nicht angenommen, da dies ein Jahr in Rom bedeutet hätte, so viel Zeit habe ich nicht»(80).
Neben den Episoden um ihre Arbeiten am «Denkmal der nationalen Arbeit» und die Büste Hermann Görings blieb May von Bernstorff noch bis in den Herbst 1934 in London. Dass sie dort zwischenzeitlich eine gewisse gesellschaftliche Bekanntheit erlangt hatte, zeigt sich auch daran, dass sie in mehreren Zeitungen als Werbeträgerin für eine damals bekannte Gesichtscreme in Erscheinung trat(81):

Am 8. September 1934 verliess sie an Bord der «Almanzora», einem opulent ausgestatteten ehemaligen Kriegsschiff der Royal Mail Lines, das englische Festland, um in ihre Wahlheimat Brasilien zurückzukehren(82). Eine folgenreiche Reise.
Ungewisse Zeiten
Im Dezember 1934 folgte die Scheidung von Günther von Bernstorff(83), der zwischenzeitlich zu seiner Geliebten und späteren Frau Zalina de Lacerda Franco(84) gezogen war, die er 1936 in Montevideo heiratete. Zwischen May von Bernstorff und der neuen Partnerin bestanden offenbar erhebliche Animositäten, die ihr einen weiteren Verbleib in Rio de Janeiro zumindest vorübergehend erschwerten. Der Ehevertrag verschaffte May von Bernstorff jedoch eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit: Günther von Bernstorff war verpflichtet, ihr monatlich 100 US-Dollar zu zahlen und darüber hinaus für allfällige Reisekosten aufzukommen. Diese finanzielle Absicherung dürfte ihre ausgedehnte Reisetätigkeit in den folgenden Jahren zumindest erleichtert haben. Ihre Reisen führten sie auch immer wieder nach München in die Wohnung ihrer Mutter. Zwischen 1935 und 1942 meldete sie sich dort insgesamt zehnmal an(85).
Das deutlichste Zeugnis dieser unsteten letzten Lebensdekade liefert der bereits erwähnte eindrückliche Brief, den May von Bernstorff im Mai 1936 aus München an die brasilianische Frauenrechtlerin und Kongressabgeordnete Bertha Lutz (1894–1976) schrieb(86). Darin schilderte sie eindringlich ihre prekäre finanzielle Lage und gab an, letztlich zum Abschluss des Scheidungsvertrags gezwungen worden zu sein. Ihre Darstellung steht allerdings in einem gewissen Spannungsverhältnis zu der regen Reisetätigkeit, der sie in diesen Jahren nachweislich nachging. Nach eigenen Angaben hatte sie sich 1935 zunächst in Paris eingerichtet. Als die im Scheidungsvertrag festgelegten Zahlungen ihres ehemaligen Mannes im November desselben Jahres ausblieben, habe sie jedoch sämtliche Wertsachen veräussern und nach München in die Wohnung ihrer Mutter zurückkehren müssen. Aus dem bereits erwähnten Münchner Hausbogen geht hervor, dass sie auch 1935 weiterhin ausgedehnte Reisen unternahm, die sie unter anderem in die Schweiz, nach Venedig, Budapest und Berlin führten.
Vieles im Leben May von Bernstorffs scheint zu diesem Zeitpunkt von einer beträchtlichen Diskrepanz zwischen äusserem Erscheinungsbild und tatsächlichen Lebensumständen geprägt gewesen zu sein. Dazu gehörte auch der durch ihre Ehe erworbene Adelstitel, an dem sie nach der Scheidung festhielt. Als «Gräfin von Bernstorff» pflegte sie zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung weiterhin das Bild einer weltgewandten und gesellschaftlich bestens vernetzten Aristokratin.
Ein weiteres Mal geriet sie im Rahmen ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin des Olympischen Komitees bei den IV. Olympischen Winterspielen, die vom 6. bis 16. Februar 1936 in Garmisch-Partenkirchen stattfanden, in den Fokus der europäischen Presse. Eberhard von Wiese widmete ihr im Hamburger Fremdenblatt einen ausführlichen Artikel(87). Darin ging er unter anderem auf ihre bemerkenswerten Sprachkenntnisse ein:
Inmitten des aufgeregten Hin und Her im Pressezimmer der Barackenstadt wirkt diese blonde, hochgewachsene Frau geradezu beruhigend. Man nennt sie kurz «die Gräfin», und wenn es irgendwo etwas rasch zu fragen gibt auf französisch, englisch, spanisch, «die Gräfin» erscheint hilfsbereit. Sieben Sprachen spricht Gräfin Bernstorff: Portugiesisch, französisch, deutsch, englisch, italienisch, spanisch und schwedisch. Sie hat für dieses ungeheure Sprachenkönnen keine festen Lehrmeister gehabt — das Leben selbst hat sie in die Schule genommen, ein ewig bewegtes Leben.
Von Wiese beschränkte sich jedoch nicht auf ihre Sprachkenntnisse und ihr kosmopolitisches Leben, sondern ging auch ausführlich auf ihre künstlerische Tätigkeit ein:
Gräfin Bernstorff holt ein Album hervor. Abbildungen sind darin von ihren Arbeiten. Die Bronzebüste des Reichsluftfahrtministers Göring, die sie 1933 arbeitete und die jetzt in der Halle des Flughafens Tempelhof steht, viele interessante Entwürfe, auch Gemälde. Viele Porträts südlicher Menschen. «Es ist sonderbar, ich habe nie malen gelernt. Und doch habe ich allein in einem Jahr 36 Porträts auf die Leinwand gebracht — und alle verkauft.
Von Wiese ging auch auf einige biografische Eckdaten in Bezug auf das künstlerische Werden und Wirken von May von Bernstorff ein:
Gräfin Bernstorff ist in München aufgewachsen, hat in Paris bei Bourdel (sic!), einem Schüler von Rodin, gelernt, war in London, hat drei Jahre ein Haus auf Capri gehabt(88) und ist dann herübergegangen nach Brasilien. In Rio modellierte sie für einen Fussballklub eine Statue eines Athleten. Der amerikanische Botschafter Morgan, den sie porträtierte, führte sie ein — und eines Tages hatte sie auch den Auftrag, den Präsidenten Dr. Antonio Carlos zu modellieren.
Dass May von Bernstorff bemüht war, auch auf bevorstehende künstlerische Erfolge hinzuweisen, geht ebenfalls aus von Wieses Bericht hervor: «Viele Politiker, viele Staatsmänner haben Gräfin Bernstorff gesessen. Sie wird demnächst nach Budapest fahren und dort von Horthy empfangen werden». Die angekündigte Reise war sogar dem Pester Lloyd eine Meldung wert. Am 18. Februar 1936 erschien dort ein kurzer Artikel unter dem Titel «Die Bildhauerin-Malerin Gräfin Bernstorff kommt nach Budapest»(89).
Der Ankündigung folgten offenbar bald konkrete Arbeiten. Am 22. November 1936 berichtete die ungarische Tageszeitung Budapesti Hírlap in einem längeren Artikel über May von Bernstorffs Arbeit an einer Porträtbüste des ungarischen Reichsverwesers Miklós Horthy. Auch in diesem Artikel ist von dem bereits erwähnten Album mit zahlreichen Abbildungen ihrer Werke die Rede. Erwähnt werden darin unter anderem die Büste Hermann Görings sowie die Entwürfe für das nie realisierte «Denkmal der nationalen Arbeit». May von Bernstorff äusserte sich gegenüber der Zeitung auch zu ihrer eigenen künstlerischen Haltung: «In Deutschland herrscht eine sehr starke Dominanz des Klassizismus vor, was ich persönlich nicht gutheisse. Ich denke, die Gotik ist angemessener»(90).
Im Februar 1937 wurde die Büste Horthys schliesslich im Rahmen einer Ausstellung im Ernst Múzeum in Budapest gezeigt. Der Pester Lloyd berichtete:
Der grosse Oberlichtsaal gehört der Bildhauerin Gräfin May von Bernstorff und dem Maler Roland Fáy. Gräfin Bernstorff ist eine deutsche Künstlerin, die durch die französische Schule gegangen ist. Emile Bourdelle war ihr Lehrmeister. Der Grossmeister der Porträtbüsten. Die Büsten, die sie uns präsentiert, werden zweifellos Beifall finden. Eine grosse Büste des Reichsverwesers Nikolaus v. Horthy, kräftige Persönlichkeitsdarstellung, zeigt Vertiefung in die Charakteristik und zweckbewusste Materialbehandlung. Auch in den übrigen Bildnissen erfasst die Künstlerin treffsicher die Ähnlichkeit der Abgebildeten(91).
Budapest sollte neben anderen Destinationen vorläufig zu einem festen Domizil May von Bernstorffs werden(92). Davon zeugen auch ihre Anmeldungen in der Wohnung ihrer Mutter in München: Insgesamt fünfmal meldete sie sich zwischen 1935 und 1942 von München nach Budapest ab. Daneben unternahm sie weiterhin zahlreiche Reisen und hielt sich zeitweise auch länger in anderen Ländern auf. Besondere Aufmerksamkeit in der Presse fand ein Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Am 23. Oktober 1937 reiste May von Bernstorff mit dem Frachter «Vancouver» nach San Francisco(93). Gemäss der Oakland Tribune traf sie am 30. November 1937 dort ein(94). Offenbar brachte sie eine grössere Anzahl eigener Werke mit in die Vereinigten Staaten. In einem kurzen Bericht der Pasadena Post wurde sie gar als «one of the most prolific sculptors in the world»(95) bezeichnet. Zugleich verkündete sie ehrgeizige Pläne: Zunächst wollte sie den Bürgermeister von San Francisco, Angelo Rossi, porträtieren und anschliessend eine Büste von Präsident Franklin D. Roosevelt schaffen. Insbesondere das Vorhaben, Roosevelt zu modellieren, fand in zahlreichen amerikanischen Zeitungen Erwähnung. Der San Francisco Chronicle widmete May von Bernstorff im November 1937 ein ausführlicheres Porträt, das sowohl auf ihr bisheriges künstlerisches Schaffen als auch auf ihre Pläne in den Vereinigten Staaten einging(96). Welche dieser angekündigten Vorhaben tatsächlich verwirklicht wurden, bleibt jedoch ungewiss.

Am 13. Dezember 1937 traf May von Bernstorff im Büro des Bürgermeisters von San Francisco auf den ihr offenbar bereits bekannten italienischen Tenor Tito Schipa (1888–1965), der wenige Tage später in San Francisco auftrat(97). Eine Fotografie dieses Treffens hat sich im Archiv der Bancroft Library der University of California, Berkeley, erhalten:

Hinweise in einem weiteren Zeitungsartikel legen nahe, dass May von Bernstorff in der Folge auch Werke in San Francisco ausstellte: «Following her exhibition at San Francisco, Countess von Bernstorff will go to Washington and New York»(98). Weitere Belege für diese Ausstellung, etwa ein Ausstellungskatalog oder zeitgenössische Besprechungen, konnten bislang jedoch nicht gefunden werden. Im Januar 1938 nahm sie als Ehrengast an einem Treffen der Los Angeles Art Association teil(99). In deren Archiven haben sich allerdings keine Aufzeichnungen zu diesem Treffen oder zu May von Bernstorff erhalten. Wann und ob ihre Reise sie anschliessend tatsächlich an die Ostküste der Vereinigten Staaten führte, ist nicht bekannt. Noch im Juni 1938 wurde jedenfalls berichtet, dass sie in Los Angeles regelmässig Gäste zum Tee empfing, darunter vor allem Angehörige des europäischen Adels, diplomatische Vertreter sowie Künstlerinnen und Künstler. Zu ihren Gästen gehörte etwa der Geiger Perry Machado, den sie bereits zuvor porträtiert hatte(100).
Dass May von Bernstorff in Hollywood offenbar ein reges gesellschaftliches Leben führte, schilderte sie auch selbst rückblickend in einem 1942 in Budapest erschienenen Artikel. Inwieweit die darin wiedergegebenen Episoden den tatsächlichen Begebenheiten entsprechen oder von ihr nachträglich ausgeschmückt wurden, lässt sich heute allerdings nicht mehr feststellen:
In der Zwischenzeit war ich auch in Hollywood unterwegs und habe dort einige der berühmtesten Stars der amerikanischen Filmwelt getroffen, darunter Gary Cooper, die verstorbene Carole Lombard, den grossen Star des alten Stummfilms, Gloria Swanson, und den grössten Frauenschwarm unserer Zeit, Charles Boyer(101).
Mit Sicherheit hielt sich May von Bernstorff im Januar 1939 in New York auf, wo sie im vornehmen Hotel Elysée im Herzen Manhattans logierte. Dies geht aus einem Copyright Eintrag für ein Theaterstück mit dem Titel «The Unknown Girl» hervor, das sie am 25. Januar 1939 unter dem Pseudonym «Laris Lodron» registrieren liess(102). Zu diesem Stück sind bislang keine weiteren Überlieferungen bekannt, und auch May von Bernstorff selbst erwähnte es, soweit ersichtlich, an keiner anderen Stelle. Der Eintrag liefert jedoch einen weiteren Hinweis darauf, dass ihre künstlerischen Ambitionen über Malerei und Bildhauerei hinausgingen und sie sich, wie bereits während ihres Aufenthalts in London, auch mit dem Theater beschäftigte. Während ihres Aufenthalts in New York entstand vermutlich im Januar 1939 das folgende Porträt, das 1942 im Budapester Szinhazi Magazin abgedruckt wurde:

Unmittelbar danach verliess sie die Vereinigten Staaten und meldete sich bereits am 5. Februar 1939, aus New York kommend, wieder bei ihrer Mutter in München an. Abgesehen von einigen kürzeren Aufenthalten in Budapest blieb sie dort bis März 1940.
Letzte Jahre und Tod der Eltern
Die letzten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte May von Bernstorff zwischen München, Budapest, Brasilien und Portugal. In diese Zeit fiel auch eine Erkrankung, über deren Art und genaue Umstände sich heute nichts Näheres mehr feststellen lässt. Verschiedenen Presseberichten zufolge hielt sie sich in der Folge zeitweise in Sanatorien und Spitälern auf.
Im Januar 1942 meldete sie sich ein letztes Mal bei ihrer Mutter in München an, bevor sie erneut nach Budapest reiste, wo sie sich in medizinische Behandlung begeben haben soll(103). Von Budapest aus stellte sie im März 1942 einen Visumsantrag, um nach Brasilien zurückkehren zu können(104). Ob und wann die geplante Ausreise angesichts der Kriegsumstände tatsächlich zustande kam, lässt sich bislang nicht eindeutig belegen. Verschiedene Hinweise sprechen jedoch dafür, dass sie sich vor ihrer Rückkehr nach Brasilien noch längere Zeit in Portugal aufhielt.
Am 14. April 1943 starb ihr mittlerweile zum General der Artillerie ernannter Vater Emil Ilse in Düsseldorf; die Beisetzung fand am 19. April auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof statt. In der Traueranzeige wird als Wohnort May von Bernstorffs, hier erneut als «Mady» aufgeführt, Lissabon angegeben(104). Damit verdichten sich die Hinweise, dass sie zu dieser Zeit tatsächlich in Portugal lebte. Ein Artikel in der portugiesischen Illustrierten Vida Mundial vom September 1943 bestätigt ihren Aufenthalt in Portugal(105). Unter dem Titel «Eine brasilianische Bildhauerin in Portugal» wird berichtet, dass sie zu diesem Zeitpunkt zwei Werke im «Salão do Estoril» ausstellte und für Februar 1944 eine weitere Ausstellung beim Secretariado de Propaganda Nacional (S.P.N.) geplant war. Das S.P.N. veranstaltete seit 1935 regelmässig Ausstellungen moderner Künstlerinnen und Künstler. Ob die angekündigte
Ausstellung May von Bernstorffs im Februar 1944 tatsächlich stattfand, bedarf jedoch weiterer Forschung. Über ihren Gesundheitszustand enthält der Artikel keine Angaben. Einen Einblick in diese Zeit gibt hingegen der brasilianische Dichter, Chronist und Journalist Álvaro Moreyra (1888–1964) in seinem Erinnerungsband As Amargas, Não:
Sie landete in Lissabon. In Lissabon wurde sie krank. Da sie keine Mittel hatte, zog sie sich in das Gesundheitszentrum von Benfica zurück, wo sie die Kosten für ihren Aufenthalt von der portugiesischen Sektion eines – ich glaube englischen – Dienstes erhielt, der unbewaffneten Opfern des Krieges half. Die brasilianische Botschaft sorgte dafür, dass sie nach Brasilien zurückkehren konnte(107).
Es ist davon auszugehen, dass eine Rückkehr nach Brasilien unter den Bedingungen des Krieges nur unter erheblichen Schwierigkeiten möglich war. Dennoch war May von Bernstorff offenbar entschlossen, die beschwerliche Reise anzutreten. Eine Rückkehr nach Deutschland dürfte ihr angesichts der zunehmenden Kriegszerstörungen im Jahr 1944 kaum als valable Alternative erschienen sein. Sowohl Moreyra als auch ein Nachruf in der Tageszeitung O Dia(108) berichten, dass die brasilianische Regierung und insbesondere der Botschafter João Neves sie mit einem Schreiben ausstatteten, das, so Moreyra, «mehr als ein Pass» gewesen sei und in dem darum gebeten wurde, ihr bei der Einreise alle erdenklichen Erleichterungen zu gewähren.
Nach ihrer Rückkehr traf May von Bernstorff allerdings auf ein Brasilien, das sich seit ihren gesellschaftlich erfolgreichen Jahren grundlegend verändert hatte. Ob sie in den gehobenen Kreisen der Diplomatie und Bohème, in denen sie zuvor verkehrt hatte, noch über nennenswerten Rückhalt verfügte, lässt sich kaum feststellen. Zumindest deuten die Quellen darauf hin, dass sie gegen Ende ihres Lebens weitgehend auf sich allein gestellt war. Zugleich holten sie offenbar auch ihre früheren Verbindungen zum nationalsozialistischen Deutschland ein, worauf nachfolgend noch eingegangen wird.
In welch desolatem gesundheitlichen und finanziellen Zustand sich May von Bernstorff zu diesem Zeitpunkt befand, macht Moreyra ebenfalls deutlich: «Sie verbrachte mehrere Monate in einer Klinik in Gávea. Als sie die täglichen Kosten nicht mehr bezahlen konnte, wurde sie in eine Krankenstation des Instituts für Kardiografie der Stadtverwaltung verlegt». Dies wird auch durch den bereits erwähnten Nachruf in O Dia bestätigt, dem zufolge «die
bereits schwer erkrankte Gräfin Bernstorff in der Clínica de Repouso São Vicente» untergebracht war. Ein Journalist der Zeitung besuchte May von Bernstorff dort und schilderte eine schwer kranke Frau, die ihrem nahenden Tod offenbar mit grosser Verzweiflung entgegensah:
Dort starb langsam und verlassen jene Frau, die einst in den Salons Europas und Amerikas geglänzt hatte. Nun lag sie atemlos und traurig da, ohne sich zu beklagen, und bat mich flehentlich, ihre früheren Freunde aufzusuchen, ihren Angehörigen ein Telegramm zu schicken, ihr eine Tasse Tee an die Lippen zu führen und irgendetwas zu tun, um ihr Leben zu retten.
Nach Angaben der heute in Schweden lebenden Familie von May von Bernstorffs Schwester versuchte die betagte Mutter noch, ihre schwer erkrankte Tochter nach München zurückzuholen. Der Versuch blieb jedoch erfolglos. Ida Ilse überlebte ihre Tochter um knapp zwei Jahre und starb am 12. November 1946 in München(109).
Marcos André schilderte in seinem Nachruf auf May von Bernstorff für die Zeitung O Globo eine ihrer letzten Lebensszenen: Sie habe «sich vor ihrem Tod in einem Spiegel betrachtet und aus ihren Augen seien schmerzvolle Tränen gerollt (…) Ein Spiegel, der den Glanz widerspiegelte, der vergangen war»(110).
Am 7. Januar 1945 um 2.31 Uhr starb May von Bernstorff im Alter von 53 Jahren in Rio de Janeiro. Als Todesursachen verzeichnet die Sterbeurkunde Herzinsuffizienz und Herzvergrösserung(111). Laut O Dia wurde ihr Leichnam nach der Obduktion «in einem Begräbnis dritter Klasse nach Caju gebracht (…) Die Kosten übernahmen einige Freunde, die erst in letzter Stunde von ihrem Tod erfahren hatten». Auch Moreyra zeichnet ein düsteres Bild der letzten Tage May von Bernstorffs und ihrer Beerdigung: «Zehn Menschen besuchten den durch die Autopsie geöffneten Leichnam. Sieben begleiteten ihn zum Friedhof von Caju». Ob sich das Grab May von Bernstorffs dort erhalten hat, ist bislang nicht bekannt. Caju gehört zu den grossen historischen Friedhofskomplexen Rio de Janeiros.
Als Künstlerin und Person des öffentlichen Lebens war May von Bernstorff kein nachhaltiger Nachruhm vergönnt. In der brasilianischen Boulevardpresse wurde nach ihrem Tod vielmehr über ihre frühere Nähe zum nationalsozialistischen Regime und zu dessen führenden Repräsentanten spekuliert. Vereinzelt wurde sogar der Verdacht geäussert, sie könne als Spionin für das Deutsche Reich tätig gewesen sein. Moreyra bemerkte dazu lakonisch: «Wäre May de Bernstorff (…) zehn Jahre früher in ihrer Wohnung an der Copacabana gestorben, hätte es grosse, lobende Nachrufe auf sie gegeben und eines der bemerkenswertesten Begräbnisse jener Zeit». Tatsächlich holten sie nun offenbar ihre früheren Verbindungen zum nationalsozialistischen Deutschland ein. In den ersten Jahren nach der nationalsozialistischen Machtübernahme hatte May von Bernstorff keine Berührungsängste gegenüber führenden Repräsentanten des Regimes gezeigt und ihre Kontakte und künstlerischen Vorhaben in diesem Umfeld auch öffentlich thematisiert. Wie weit diese Verbindungen tatsächlich reichten und ob sie über gesellschaftliche und künstlerische Kontakte hinausgingen, lässt sich anhand der bislang bekannten Quellen jedoch nicht feststellen. Die nach ihrem Tod kursierenden Gerüchte führten jedenfalls zu weitreichenden Spekulationen in der brasilianischen Presse und veranlassten schliesslich auch Bekannte, ihr öffentlich zur Seite zu treten. So erschien kurz nach ihrem Tod im Diário da Noite(112) ein Interview mit einer Bekannten namens Lydia Kleist. Sie erklärte, «dass die Gräfin von Bernstorff (…) keineswegs die ‹geheimnisvolle Blondine› oder eine ‹Freundin Hitlers› gewesen sei». Weiter führte sie aus: «Ich halte es für meine Pflicht, diese Gerüchte zu widerlegen, die keinerlei Wahrheit entsprechen. Ich habe sie gekannt und bewundert: Sie war blond, schön und intelligent, eine Gräfin von Bernstorff, aber niemals geheimnisvoll und niemals Nationalsozialistin».
Erhaltene Werke May von Bernstorffs sind, mit Ausnahme des bereits erwähnten Holzschnitts in der Sammlung des Museums für angewandte Kunst in Wien(113), bislang nicht bekannt. Auch auf dem Kunstmarkt liessen sich keine Arbeiten nachweisen, die ihr zweifelsfrei zugeordnet werden können. Ob sich insbesondere in Brasilien noch Werke von ihr erhalten haben, bedarf weiterer Forschung.
Mit der vorliegenden Untersuchung lässt sich nun erstmals ein weitgehend zusammenhängendes Bild vom Leben und Schaffen dieser heute vergessenen Künstlerin zeichnen. In ihrer Biografie spiegeln sich dabei beinahe paradigmatisch de grossen historischen und gesellschaftlichen Umbrüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vielleicht hat Álvaro Moreyra das Wesen May von Bernstorffs ganz treffend erfasst, als er über sie schrieb, sie sei vor allem eine Künstlerin gewesen: «[F]ür die kleinen Zufälligkeiten und Erfordernisse des Lebens hatte sie nie Zeit».
Marcos André fand in seinem Nachruf in der Zeitung O Globo schliesslich, mit einigem Pathos, Worte, die das Ende dieses unsteten Lebens mit seinen glanzvollen Anfängen in Rio de Janeiro verbanden:
Sie ging von uns, im Dunkeln, vergessen, in einer gequälten, schwierigen, von Ängsten erfüllten Epoche, einer Zeit, die so anders war als jene, in der sie die Reise der «Happy Days» veranstaltet hatte, jene Zeit, in der man das Lied «Happy Days Are Here Again» sang …
Doch für die arme May sind die «happy days gone forever» … sie sind für immer vergangen … Oder vielleicht auch nicht … Wer weiss, ob sie nicht gerade jetzt beginnt, auf jener langen, geheimnisvollen Reise unermesslich glücklich zu werden, einer Reise, die nicht „eine ganze Nacht“, sondern eine ganze Ewigkeit dauern wird? …
Die «Happy Days» ist auf hoher See und trägt nun nur noch eine einzige, einsame Passagierin. Auf dem Weg in ein Land, dessen Landschaften keiner von uns, die wir hier zurückbleiben und der armen May zum Abschied zuwinken, mit Gewissheit beschreiben kann …
Fredy Bünter – Stand 23. August 2026 / fredy@buenter.net
Mein herzlicher Dank gilt: André Abla (São Paulo), Linda Boucher, Marisa Bourgoin (Archives of American Art, Washington), Dr. Yvette Deseyve (Alte Nationalgalerie, Berlin), Anton Löffelmeier (Stadtarchiv München), Volker Pirsich, Verena Rothenbühler (Staatsarchiv Kanton Zürich).
Anmerkungen:
- Fehle, Isabella. Ab nach München!, S. 6 ↩︎
- Kluge, Friedrich. Adolf Kussmaul 1822 – 1902, S. 348 ↩︎
- Das Haus gehörte bis 1887 dem Philosophen und Philosophiehistoriker Kuno Fischer (1824-1907), es findet sich bis heute eine entsprechende Inschrift am Nachfolgebau, das ursprüngliche Haus wurde 1974 abgerissen. ↩︎
- Kölnische Zeitung, 14.3.1939, S. 5 ↩︎
- http://www.s197410804.online.de/BILDER/KunoFischerHaus.jpg ↩︎
- 05700 Siegfried Ilse — Matrikeldatenbank ↩︎
- Die Briefe befinden sich im Nachlass Jakob Flachs im Schweizerischen Literaturarchiv Bern ↩︎
- Genannt sei hier beispielsweise die sogenannte «Debschitz-Schule». ↩︎
- Deseyve, Yvette. Der Künstlerinnen-Verein München E.V. und seine Damen-Akademie, S. 25f ↩︎
- Voit, Antonia. Ab nach München!, S. 8 ↩︎
- Deseyve, Yvette. Der Künstlerinnen-Verein München E.V. und seine Damen-Akademie, S. 162 ↩︎
- Deseyve, Yvette. Der Künstlerinnen-Verein München E.V. und seine Damen-Akademie, S. 51f ↩︎
- Deseyve, Yvette. Der Künstlerinnen-Verein München E.V. und seine Damen-Akademie, S. 197f ↩︎
- https://www.literaturportal-bayern.de/ortelexikon?task=lpbplace.default&id=933 ↩︎
- Fromm, Waldemar, et al. Literaturgeschichte Münchens, S. 333 ↩︎
- Hamburger Fremdenblatt, 14.2.1936, S. 5. ↩︎
- Weltkunst, Jahrg. VII, Nr. 31, 30.7.1933, S. 3 ↩︎
- Basdevant, Denise. Bourdelle et le Théâtre des Champs-Elysées, S. 72ff ↩︎
- https://www.theatrechampselysees.fr/medias-hors-champs/article/cetait-il-y-a-110-ans-1 ↩︎
- Catalogue de la 29me Exposition, S. 184 ↩︎
- Szöllösi-Janze, Margit. Fritz Haber, 1868-1934: Eine Biographie. S. 326 ↩︎
- Catalogue de la 30me Exposition, S. 203 ↩︎
- Französisch für «beschädigen» ↩︎
- https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b100860777/f283 ↩︎
- L’Intransigeant, 23.2.1914, S.1 ↩︎
- Gästebuch Nell und Herwarth Walden in der Staatsbibliothek Berlin, S. 20 ↩︎
- Gästebuch Nell und Herwarth Walden in der Staatsbibliothek Berlin, S. 28 ↩︎
- https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:255-dtl-0000002284 ↩︎
- https://sturm-edition.de/quellen/briefe/jvh/Q.01.19150328.JVH.01.html ↩︎
- Kluge, Friedrich. Adolf Kussmaul 1822 – 1902, S. 360 ↩︎
- https://www.diktats.com/products/mode-wien-1914-1915-reunion-de-11-livraisons ↩︎
- https://www.diktats.com/products/mode-wien-1914-1915-reunion-de-11-livraisons ↩︎
- https://www.christies.com/en/lot/lot-5632126 ↩︎
- Revista da Semana, Anno XXVIII, N. 9, 19.2.1927, S. 29 ↩︎
- Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe, 6.10.1916, S. 6 ↩︎
- Korrespondenzen zwischen Purtscher und Rilke finden sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sowie dem Schweizer Literaturarchiv in Bern. ↩︎
- von Mangoldt, Ursula. Auf der Schwelle zwischen Gestern und Morgen, S. 82 ↩︎
- Karl & Faber, Auktion 75, 18.11.1960, Los 540 ↩︎
- https://landesarchiv-berlin.de/die-einwohnermeldekartei-von-berlin ↩︎
- Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. F 16027 / https://doi.org/10.25645/3cfm-wn5j ↩︎
- Wilhelmy, Petra. Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert (1780-1914). S. 586 ↩︎
- Weineck, Isolde Maria. Christian Lahusen Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung seiner liturgischen Kompositionen. S. 29 ↩︎
- Die Büste soll sich gemäss Wenzel Hagelstamm in der Sammlung des Vatikans befinden, eine Gipskopie davon findet sich im Atheneum in Helsinki (Kronqvist 22). Eine Fotografie der Gipskopie findet sich im Victoria and Albert Museum in London. ↩︎
- https://collections.vam.ac.uk/item/O1306511/photograph-wrede-carl-henrik/ ↩︎
- Kronqvist, Dan. Wenzel Hagelstam – En Antikhandlares Memoarer. S. 22 ↩︎
- Vem och vad? S. 508 ↩︎
- https://www.olympiaauctions.com/auction/lot/lot-333—carl-henrik-wrede-1890-1924-young-woman-stretching/?lot=30485&so=4&st=wrede&sto=0&au=&ef=&et=&ic=False&sd=1&pp=96&pn=1&g=1 ↩︎
- Bonner Zeitung, 11.2.1926, S. 2 ↩︎
- Dies geht aus einem Brief May von Bernstorffs an die Frauenrechtlerin Bertha Lutz hervor, der sich im Brasilianischen Nationalarchiv im Archiv der Federação Brasileira pelo Progresso Feminino befindet. Signatur: BRA,RJQ0,ADM,COR,A936.120 ↩︎
- Westfälischer Merkur, 12.2.1926, S. 3 ↩︎
- Dienel, Hans-Liudger und Schiedt Hans-Ulrich. Die moderne Strasse, S. 115 ↩︎
- Der sehr ausführliche Antrag hat sich im Brasilianischen Nationalarchiv unter der Signatur: BRAN, RIO Q0. ADM, COR., A936.120 erhalten ↩︎
- Ein Beitrag zu diesem heute nicht mehr existierenden Hotel findet sich auf:
https://saudadesdoriodoluizd.blogspot.com/2023/09/hotel-londres-copacabana.html ↩︎ - Passagierliste 373-7 I, VIII A 1 Band 357, S. 99 https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1068/images/K_1970_080729-0166?pId=16936699 (Anmeldung erforderlich, nach Testphase kostenpflichtig) ↩︎
- Jornal do Brasil, 24.10.1928, S.11 ↩︎
- Historisches brasilianisches Jahrbuch und Adressverzeichnis: https://memoria.bn.gov.br/DocReader/docreader.aspx?bib=313394&pagfis=1 ↩︎
- https://somenteboasnoticias.wordpress.com/tag/exposicao-rio-antigo/ ↩︎
- O Cruzeiro, 16.1.1932, S. 39 ↩︎
- O Dia, 14.1.1945, S. 1 ↩︎
- Bazar vom 17.9.1931, S. 20 ↩︎
- Zur ausführlichen Geschichte der Galerie Jorge findet sich ein Kapitel in: Bechara Filho, Gabriel. A construção do campo artístico na Bahia e na Paraíba (1930–1959). PhD diss., Universidade Federal da Bahia, 2007. ↩︎
- Revista da Semana, Anno XXVIII, N. 9, 19.2.1927, S. 29 ↩︎
- Guimarães, Maíra Oliveira. Os Salões Revolucionários de 1931 ↩︎
- Ausstellungskatalog der XXXVIII Exposição Geral de Bellas Artes https://icaa.mfah.org/s/en/item/782688 ↩︎
- Das Hotel befand sich an der Avenida Rio Branco an der Ecke Rua Almirante Barroso in Rio de Janeiro. ↩︎
- Fon-Fon, 4.6.1932, S. 18 ↩︎
- UK and Ireland, Incoming Passenger Lists, 1878-1960 https://www.ancestry.com/search/collections/1518/records/5812691 (Anmeldung erforderlich, nach Testphase kostenpflichtig) ↩︎
- Bernstorff war als Charge d’Affaires an der Deutschen Botschaft tätig. ↩︎
- Western Mail, 13.2.1933, S. 9 ↩︎
- Nottingham Evening Post, 18.2.1933, S. 4 ↩︎
- Siehe bspw. The Civic & Military Gazette, 10.3.1933, S. 3 ↩︎
- The Daily Telegraph, 9.2.1933, S. 7 ↩︎
- Daily Mirror, 2.3.1933, S. 9 ↩︎
- The Tatler, 12.7.1933, S. 3 ↩︎
- Raith, Frank-Bertolt. Der Heroische Stil, S. 113 ↩︎
- Neue Mannheimer Zeitung, Mittagsblatt, 11.7.1933, S. 2 ↩︎
- Kraus, Karl. Die Dritte Walpurgisnacht. S. 263 ↩︎
- Deusch war in jenen Jahren Hauptschriftleiter der Weltkunst. ↩︎
- Protokolle der Sitzungen von Senat und Abteilung für die bildenden Künste. 18. Juli 1934. ↩︎
- Oakland Tribune, 30.11.1937, S. 23 ↩︎
- Daily Mirror, 30.10.1933, S. 25 ↩︎
- Grossbritannien und Irland, Listen abreisender Passagiere, 1890-1960: https://www.ancestry.com/imageviewer/collections/2997/images/41039_b001407-00708 (Anmeldung erforderlich, nach Testphase kostenpflichtig) ↩︎
- Der Scheidungsvertrag vom 4. Dezember 1934 hat sich im brasilianischen Nationalarchiv unter der erhalten. ↩︎
- Sie war die Tochter des rasilianischen Senators und Unternehmers Antônio de Lacerda Franco (1853-1936) ↩︎
- Gemäss dem Hausbogen der Kaulbachstrasse 33, welcher sich im Stadtarchiv München befindet. ↩︎
- Der Brief ist im Brasilianischen Nationalarchiv im Archiv der Federação Brasileira pelo Progresso Feminino erhalten geblieben. ↩︎
- Hamburger Fremdenblatt, 14.2.1936, S. 5. ↩︎
- Für ein Haus auf Capri oder einen Aufenthalt May von Bernstorffs auf der Insel finden sich bislang keine Belege. Auch in der bislang rekonstruierten Chronologie ihrer Biografie liesse sich ein längerer Aufenthalt auf Capri nur schwer einordnen. ↩︎
- Pester Lloyd, 18. Februar 1936, S. 9. ↩︎
- Budapesti Hírlap, 22. November 1936, S. 8. ↩︎
- Pester Lloyd, 28. Februar 1937, S. 21. ↩︎
- In der Passagierliste Ihrer Ankunft in San Francisco wird Budapest als letzter permanenter Wohnort angegeben, ihr Einreisevisa wurde am 4.8.1937 in Rom ausgestellt (Passenger Lists of Vessels Arriving at San Francisco, CA, 1893-1953, S. 264) ↩︎
- California, San Francisco, Passenger Lists, 1893-1953, FamilySearch: https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:33SQ-G5GK-HV2 (Anmeldung erforderlich). ↩︎
- Oakland Tribune, 30.11.1937, S. 23. ↩︎
- Pasadena Post, 24.12.1937, S. 3. ↩︎
- San Francisco Chronicle, 30.11.1937, S. 15 ↩︎
- The San Francisco Examiner, 14.12.1937, S. 8. ↩︎
- Times Herald, 15.4.1938, S. 6. ↩︎
- Los Angeles Times, 16.1.1938, S. 74 ↩︎
- Los Angeles Evening Citizen News, 10.6.1938, S. 4. ↩︎
- Szinhazi Magazin, 18.2.1942, Nr. 9, S. 25. ↩︎
- Catalog of Copyright Entries, New Series. Part 1, Group 3: Dramatic Compositions, Motion Pictures 1939: Vol 12 No 1, S. 16. ↩︎
- Szinhazi Magazin, 18.2.1942, Nr. 9, S. 25. ↩︎
- Der Visa Antrag vom März 1942 ist unter der Nummer 552 / 2655 im brasilianischen National Archiv erhalten. ↩︎
- Stuttgarter NS-Kurier, 22.4.1943, S. 6. ↩︎
- Vida Mundial, Ano III, No. 121, 9.9.1943, S. 5. ↩︎
- Moreyra, Alvaro: As Amargas, Não, S. 303f ↩︎
- O Dia, 14.1.1945, S. 1 ↩︎
- Ida Ilse (geb. Kussmaul) wurde nach ihrem Tod 1946 im Familiengrab der Familie Ilse auf dem Heidelberger Bergfriedhof bestattet, die Grabstätte ist auch heute noch erhalten. ↩︎
- O Globo, 15.1.1945, S. 3 ↩︎
- Gemäss Sterbeurkunde vom 8. Jan. 1945. https://familysearch.org/ark:/61903/1:1:792K-67MM (Anmeldung erforderlich). Abgerufen 21. August 2026. ↩︎
- Diário da Noite, 13.1.1945, S. 2 ↩︎
- MAK Inv.nr. BI 16569-12-8 ↩︎
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