geboren als Lotte Boschwitz


* 20.2.1890 in Berlin
† 11.2.1966 in Überlingen
Eltern:
Vater: Leopold Boschwitz (Kaufmann; * 16.2.1847 in Ober-Glogau; † 14.5.1903 in Berlin)
Mutter: Marianne David (Sängerin; später Gesangslehrerin; * 14.4.1857 in Prenzlau; † 12.7.1925 in [Berlin-] Charlottenburg)
ꝏ 27.12.1887 in Berlin
Eine Schwester: Käthe; * 27.12.1890 in Berlin; Schauspielerin, seit 1910 an Berliner Theatern nachgewiesen; im Februar 1943 deportiert; weiterer Verbleib unbekannt(1).
In einem Lebenslauf vom 18.11.1946(2) hält Lotte Blümner folgende Daten aus der Zeit bis zu ihrer Eheschließung fest:
- Besuch der Charlottenschule (Steglitzer Straße 29; Vorsteherin: Helene Lange) bis zur Selecta(3)
- Ausbildung zur Fotografin
- 1914-1916 Arbeit als Fotografin in der Charité
- bis 1929 Arbeit als Sekretärin
1923 wird die Sekretärin Lotte Boschwitz als Mitbegründerin und Aktienhalterin verschiedener Grundstücksaktiengesellschaften (GAG) genannt, und zwar:
- Lippe GAG (BBZ 24.5.1923, Nr. 235, II. Beilage [S. 9]; Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 1.6.1923. Nr. 125, S. 23) Main GAG (ebda)
- Wupper GAG (BBZ a.a.O.; Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 1.6.1923. Nr. 125, S. 23)
- Warthe GAG (BBZ a.a.O., S. 9 f; Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 1.6.1923. Nr. 125, S. 23)
- Saar (BBZ a.a.O., S. 10; Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 1.6.1923. Nr. 125, S. 23)
- Frankenland (Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 19.6.1923. Nr. 140, S. 26)
- Ruhr (BBZ 7.9.1923. Nr. 413, S. 3; Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 12.9.1923. Nr. 211, S. 12);
Darüber hinaus:
- Aktiengesellschaft für chemisch-pharmazeutische Unternehmungen (BBZ 17.3.1923. Nr. 129, S. 3; Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 22.3.1923. Nr. 69. 2. Zentral-Handelsregister-Beilage)
- Assekuranz-Agentur für Sachwerte Aktiengesellschaft (BBZ 2.8.1923. Nr. 355, S. 3)
Die genannten Aktiengesellschaften, in der rasch voranschreitenden Inflation gegründet, sind allesamt kurzlebig und existieren lt. Berliner Handelsregister überwiegend nicht bis zum Ende der 20er Jahre. Ohne dass Angaben im Detail vorliegen, dürfte zumindest für einen nennenswerten Teil von ihnen das Ende unmittelbar mit der Währungsreform im November 1923 gekommen sein.
Bei dem Kaufmann Josef Trost in der Ansbacher Straße, bei den Grundstücksaktiengesellschaften als Vorstand geführt, dürfte es sich um Lotte Boschwitz‘ Arbeitgeber gehandelt haben.
Bis 1925 lebt Lotte Blümner in einer gemeinsamen Wohnung mit der Mutter und der Schwester in der Joachimsthaler Str. 39.40III in Charlottenburg; nach dem Tod der Mutter 1925 (s.o.) bleibt sie weiterhin, nun gemeinsam mit ihrer Schwester, in dieser Wohnung.
Am 19. September 1929 heiratet sie Dr. Rudolf Blümner in Tilsit. Dort ist Blümner für eine Spielzeit als Intendant des Stadttheaters engagiert.
Nach dem Engagement in Tilsit lebt die Familie Blümner in Rudolf Blümners langjähriger Wohnung im Gartenhaus der Dahlmannstraße 12.
Lothar Schreyer, neben Rudolf Blümner einer der wesentlichen Gestalter der Geschichte von Herwarth Waldens „Sturm“, beschreibt die Wohnverhältnisse wie folgt: „Er bewohnte eine kleine Zweizimmerwohnung im 4. Stock eines Hinterhauses in der Dahlmannstraße zu Charlottenburg. … Oft bin ich in dem kleinen Reich gewesen, in dem einige wenige Bilder hingen, Geschenke von Künstlern des STURM. …“(4). Von Schreyer stammt auch eine der wenigen publizierten Erinnerungen an Lotte Blümner: „In den letzten Jahren des STURM … heiratete er eine Jüdin, die den früh alternden Mann verehrte. Auch sie war mittellos. Es war eine Ehe der Freundschaft. Und ich habe die Gewissheit, daß Rudolf einen sorgenden treuen Menschen um sich hatte.“(5)
Blümner selbst wird 1935, aufgrund seiner Weigerung, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, zunächst aus der Bühnengenossenschaft ausgeschlossen, erhält jedoch eine Spielerlaubnis für Bühne und Film schon nach kurzer Zeit wieder. Dennoch ist die wirtschaftliche Situation der Blümners prekär. Unterstützung leistet William Wauer, ebenfalls ehemaliger Sturm-Künstlern, den Nationalsozialisten durchaus nahe stehend, der Lotte Blümner als Sekretärin anstellt(6).
Am 12. Januar 1944 wird Lotte Blümner im Rahmen des Reichsarbeitsdienstes zur Aushilfsarbeit in einem Krankenhaus eingeteilt(7). Ob es dazu tatsächlich kommt, ist unklar: Die Wohnung der Blümners brennt im Januar 1944 vollständig aus und ist unbewohnbar. Die Blümners kommen -ohne sich dort amtlich zu melden- in der Wohnung von Freunden unter(8): Mit Herbert Ihering (1888-1977) und dessen Frau Lissa Königshof / Ihering (Li; 1885-1955) verbindet Blümner eine langjährige Freundschaft, liegen doch die gemeinsamen Wurzeln beider Männer im Theater der 1910er und 1920er Jahre in Berlin.
Rudolf Blümner überlebt das Ende des Zweiten Weltkriegs nur im wenige Monate; Blümners seit jeher schlechte Sehkraft verringert sich weiter, bis er schließlich völlig erblindet. Am 3. September 1945 stirbt er an einem Hungerödem. Lotte Blümner ist es nach dem Tod ihres Mannes ein Anliegen, das literarische Werk ihres Mannes zu retten; sie übergibt eine Reihe von Manuskripten dem Kiepenheuer Bühnenverlag – nach einer Notiz aus dem „Theaterdienst. Informationsblätter für Bühne, Film und Musik“ noch im Jahr 1945(9); nach den Erinnerungen von Maria Sommer (1922-2023), seit 1946 Dramaturgin bei der 1931 gegründeten Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH und seit 1950 alleinige Geschäftsführende Gesellschafterin, folgt die Übergabe etwas später, nämlich 1946: „Kurz nach meinem Eintritt in den [Kiepenheuer] Bühnenverlag lernte ich Frau Blümner kennen. Sie hatte 1945 ihren Mann verloren, er sei – was damals nicht ungewöhnlich war – am Hunger gestorben. Sie war Jüdin, er hatte sie „durchgebracht“, nun war sie frei, aber spürbar am Ende ihrer Kräfte, eine kleine abgemagerte Frau, von dem Gedanken beseelt, das Werk Rudolf Blümners dem Vergessensein zu entreißen. Offensichtlich hatte sie Vertrauen zu mir gefaßt und brachte mir mehrere Manuskripte ihres Mannes. Sie zog dann von Berlin nach München und dann an den Bodensee, wir korrespondierten und ich konnte ihr einige Aufführungen melden und auch einige Tantiemen schicken. Da wir keinen Vertrag hatten, schickte ich ihr – nach Verabredung und zu ihrer Freude – einen, bekam aber das von ihr wie sie schrieb, unterzeichnete Exemplar nicht zurück. Bald darauf endete die Korrespondenz. …“(10)
Bald nach dem Tod Rudolf Blümners nimmt Lotte Blümner wieder Kontakt zu einigen Weggefährten ihres Mannes aus den „Sturm“-Jahren auf – es gibt einige wenige erhaltene Briefe aus den Jahren 1946 bis 1951(11), gerichtet u.a. an Kurt Liebmann in Dresden und Otto Nebel in Bern, in denen sie über ihr Leben im Umfeld des Kriegsendes berichtet.
Spätestens 1946 lebt Lotte Blümner unter der Anschrift Johann-Georg-Straße in Berlin-Halensee. Dort stellt sie am 18. November jenes Jahres einen Antrag auf Anerkennung als Opfer des Faschismus beim Magistrat der Stadt Berlin (Nr. 4823).
1947 oder 1948 verlässt sie Berlin für immer; ihr letzter Brief an Li Königshof / Ihering vom 7.8.1948 nennt Berlin nicht mehr als Absendeort. Möglicherweise nach einer Zwischenstation in München (vgl. Nachricht von Maria Sommer, s.o.) wohnt Lotte Blümner seit 1948 im Heiligenberg-Institut(12) in der Nähe des Bodensees. Dort stellt sie am 24.10.1950 einen Antrag auf Finanzmittel (laufender Richtsatz für Naziopfer) bei der Dienststelle für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung in Konstanz. Lotte Blümners Lebenshaltungskosten werden bis zum Datum dieser Antragstellung von Theodor Beye (*6.9.1892 in Bodenwerder; † 26.10.1966 in Freiburg i. Brsg.) getragen, der mit Rudolf Blümner (wie Herbert Ihering) schon seit den 1910er Jahren bekannt gewesen ist. Eine Reihe weiterer Mitarbeiter des Heiligenberg-Instituts bezeugen die Integrität wie auch die Mittellosigkeit Lotte Blümners. Noch im selben Monat Oktober 1950 fasst die Behörde den Sachverhalt wie folgt zusammen:
„Die Antragstellerin ist Volljüdin. Sie war bis 1947/48 in Berlin wohnhaft. Die befreundete Familie Beye hat sie dann zu sich nach Heiligenberg geholt, da Frau B. aus finanziellen Gründen in Berlin nicht mehr existieren konnte. Der miterschienene Herr Beye behauptet, dass Frau Blümner zu bescheiden gewesen sei, um eine Unterstützung zu verlangen. Diese Angabe erscheint glaubhaft, zumal sich die Antragstellerin in den 2 Jahren ihres Hierseins noch nie an die zuständige Betreuungsstellegewandt hat.“(13)
Lotte Blümners Antrag wird stattgegeben; aufgrund dessen gibt sie den Naziopfer-Ausweis des Magistrats der Stadt Berlin am 31.10.1950 zurück.
Am 1.12.1950 zieht Lotte Blümner von Heiligenberg nach Überlingen um (dort fälschlich als „Blümer“ gemeldet); sie wohnt an der Seepromenade 11 bei Köppel (= Lehrerwohnhaus für die Seeschulen, deren Rektor Josef Köppel war).
Als Religionszugehörigkeit gibt sie an: keine; als Berufsbezeichnung: Schriftstellerin. Es gibt allerdings (zeitlebens) keine Lotte Blümner zuzuordnenden Texte.
Am 11. Februar 1966 stirbt Lotte Blümner in Überlingen.
Anmerkungen:
- https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1034449 ↩︎
- Akte im Landesarchiv Baden-Württemberg, s.o. ↩︎
- Eine zusätzliche Klasse für besonders befähigte Schülerinnen ↩︎
- Lothar Schreyer: Erinnerungen an Sturm und Bauhaus. Hamburg / Berlin: Deutsche Hausbücherei 1956, S. 84 f) ↩︎
- Lothar Schreyer: Erinnerungen an Sturm und Bauhaus, a.a.O., S. 85 ↩︎
- Lothar Schreyer: Erinnerungen an Sturm und Bauhaus, a.a.O. S. 112
In einem Brief an Otto Nebel vom 16.8.1946 beklagt Lotte Blümner sich mit klaren Worten darüber, dass „sich dieser Mensch im nationalsozialistischen Sinne hier betätigt hatte“. … „Und trotz allem hat er es fertiggebracht, eine expressionistische Ausstellung (er ist ja immer noch ein flinker Geschäftsmann und Geschäftemacher trotz seiner 80 Jahre!) zu machen, die eine sehr gute Presse hatte. Seien Sie versichert, dass ich bereits sehr entscheidende Schritte unternommen habe, um diesen Schädling auszubooten.“ (Original des Briefes im Schweizerischen Literaturarchiv) ↩︎ - Akte im Bundesarchiv R 8150/62 ↩︎
- Am Fischtal 61 in Zehlendorf;
vgl. Herbert Ihering. Filmkritiker. Edition text + kritik 2010, S. 56 ↩︎ - Jg. 1 (1946), Nr. 1 vom Januar 1946, S. 8-9; Rubrik „Bühnen-Vertriebe melden“. Ausdrücklich genannt werden neben einem ernsten Problemstück aus dem Kriege „Gegen den Strich“ die Übersetzung eines Lustspiels von Ostrowskij, „Diebe im Haus“, die Hundstagskomödie „Peter Dudels Prozesse“, „Frau Görtens Nadel“, nach einem altenglischen Schwanke (etwa mit der Art des Zerbrochenen Kruges zu vergleichen) und die Komödie „Ein guter Mensch“. ↩︎
- Maria Sommer an Volker Pirsich, 24.1.2011 [per Mail] ↩︎
- Verzeichnis erhaltener Briefe von Lotte Blümner im Anhang ↩︎
- Vgl. Karlwalther Schneider: Das Heiligenberg-institut. 1946 bis 1972. Zur Geschichte einer Forschungseinrichtung der Nachkriegszeit;
https://regionalia.blb-karlsruhe.de/frontdoor/deliver/index/docId/21320/file/BLB_Schneider_Heiligenberg-Institut.pdf ↩︎ - Akte im Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg,
F 196/3 (Landesamt für die Wiedergutmachung: Außenstelle Freiburg) ↩︎
Nachgewiesene Briefe von Lotte Blümner
- Brief von Lotte Blümner an Kurt Liebmann, 17.05.1946 aus Berlin-Halensee. Bestand: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek <Dresden>; Signatur: Mscr.Dresd.App.2404,439
Dass.:
DLA Marbach Bestandssignatur A:Schreyer, Lothar Zugangsnummer 66.617 - Lotte Blümner an Lissa Königshof [d.i. Li Ihering]; 3 Briefe, Datierung 26. September 1946 – 7. August 1948
Berlin, ohne Ort Akademie der Künste, Archiv. Herbert-Ihering-Archiv, Nr. 3525 - Lotte Blümner an Otto Nebel
Brief vom 16.08.1946, aus Berlin-Halensee
Standort: Schweizerisches Literaturarchiv - Lotte Blümner an Otto Nebel
Brief vom 3.08.1951, aus Überlingen
Standort: Schweizerisches Literaturarchiv. Nachlass Otto Nebel; Signatur: SLA-Nebel-B-2-BLUE/1: Kasten 32
